Eine rote Rose
Folge 20 in der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"
von Dirk Riepe
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Kurt bestellt sich kurzerhand einen großen Rotwein - in der Absicht, sich prophylaktisch Mut anzutrinken. Die Bedienung kassiert gleich ab, denn es wird in wenigen Minuten geschlossen. Der Wein ist billig, aber schwer, und erfüllt seinen Zweck schon beim Trinken.
Beim Verlassen des Etablissements sieht Kurt links in der Ecke neben der Ausgangstür, auf einem kleinen Stehtischchen, vier rote, langstielige Rosen in einer schlanken Vase stehen.
Eine geniale Idee. Damit werde ich sie im Sturm erobern. Ich muss einfach nur zugreifen. Die Rosen sind ganz frisch und strotzen vor Leben und Vitalität. Ein Zeichen! Kurt verharrt einen Moment andächtig vor der Vase. Drei Rosen sehen sowieso besser aus. Ungerade. Ungerade ist definitiv ausgewogener für das Auge, schmeichelhafter als eine gerade Anzahl.
Kurt nimmt die schönste Rose raus aus der Vase und betrachtet sie eingehend. Besser, auf jeden Fall besser.
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Eine schwindelige Fahrt auf sein Zimmer und nun liegt er wieder auf seinem Bett, der Blick an die Decke gerichtet und die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Die Rose liegt neben ihm auf dem Nachttischchen. In Gedanken beginnt er erneut alle möglichen Szenarien des Zusammenlebens mit einem nicht perfekten Menschen durchzuspielen.
Der Gedanke, Claudia würde ihn... oder... - Er hatte die Frau ganze 60 Minuten am Stück gesehen und ist im Geiste schon verheiratet. Da stimmt doch was nicht.
Früher hatte er Dates, heute hat er Schiss.
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Auf die Idee, Claudia könnte das gleiche Problem mit ihm haben, kommt er nicht. Er ist viel zu sehr mit sich selbst und wilden Restaurant- und Einkaufsszenarien unter beschämt wegschauenden Normalos beschäftigt. Was hätte seine Mutter wohl dazu gesagt, wenn er mit einer Frau zuhause aufgetaucht wäre, die er schon vor der Heirat über die Schwelle und dann die Treppe hoch hätte tragen müssen?
"Junge, Andreas-Maximilian, hast du dir das genau überlegt? Junge, du verpfuschst dir dein ganzes Leben? Denk doch auch mal an uns. Was sollen die Nachbarn denn sagen?"
Kurt kann sich das lebhaft vorstellen, wie seine Mutter mit der Nachbarin darüber gesprochen hätte: "Er hat es aber auch schwer. Jetzt hat er sich so angestrengt im Leben und dann das. Wie macht der das bloß? Arbeiten und 'ne kranke Frau zuhause. Der arme Junge."
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Seine Arme sind mittlerweile eingeschlafen. In all seinen, sich im Kreis drehenden Gedanken, taucht er selbst nie behindert auf. Er ist nicht behindert! Gut, er kann im Moment nicht so gut laufen, aber das ist etwas ganz Anderes als bei Claudia. Bis jetzt ist doch auf Dauer alles wieder zurückgegangen - fast alles. Bei Männern ist das sowieso ganz anders als bei Frauen.
Kurt schaut auf die Uhr an seinem eingeschlafenen linken Arm. Es ist schon kurz vor elf. Um elf beginnt die Nachtschwester ihren Dienst. Jetzt oder nie. Er rollt sich aus dem Bett. Die tauben Arme baumeln wie bei einer Marionette an der Seite. Kurz vor elf. Hoffentlich ist Claudia noch wach. Rein in den Rolli. Er klemmt die Rose zwischen die Zähne, um die Hände frei zu haben. Seine auftauenden Arme schmerzen. Egal.
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Auf dem Gang ist schon die Nachtbeleuchtung an und niemand ist zu sehen. Von weitem hört man aufgeregtes Laufen der Schwestern im Pflegebereich: Schichtwechsel. Kurt schaut sich um und greift beherzt in die Greifreifen. Eine Million Ameisen tummeln sich in seinen Händen, was den Vortrieb seines angeblichen Aktivrollstuhls nicht gerade einfacher macht.
Er rollt den Gang entlang und überlegt krampfthaft, was er sagen soll. Zwanzig Meter können eine Ewigkeit dauern. Da ist Claudias Zimmertür und Kurt zögert. Eigentlich ist es viel zu spät. Er sollte wohl besser wieder zurück auf sein Zimmer gehen. Es ist zu spät.
Mit Schwung will er den Rolli vor Claudias Zimmertür wenden und stößt dabei mit den Rädern dagegen. Das Geräusch hallt über den Gang und Kurt würde sich am liebsten unsichtbar machen. Aus dem Zimmer kommt kein Laut. Kurts Herz schlägt so heftig, das muss Claudia doch hören. Ok. Sie schläft schon.
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Kurts Hände sind komplett wiederbelebt. Er dreht seinen Stuhl und ist beruhigt. Er hat alles versucht. Das ist eben Schicksal. Was nicht sein soll, soll nicht sein. Die Aufregung legt sich und Kurt hat sich schon eine Verdrängungtheorie zurechtgelegt.
Die Stille des schummrigen Flures wird vom Geräusch eines Schlüssels im Schloss zerrissen. Kurt hält inne. Er schaut zurück. Da steht sie im Türrahmen. Sie trägt einen weißen Pyjama mit kleinen Snoopys drauf an. Die Pyjamahose fällt schlabbrig auf ihre "Peggy-Bundy-Behindertenpumps" mit rosa Bommeln. Kurt hat einen riesigen Kloß im Hals und kann nur starren, nicht reden mit seiner roten Rose zwischen den Zähnen. Was soll er jetzt machen? Es hatte alles so gut geklappt. Er hatte es versucht. Sie hatte nicht aufgemacht. Alles war in Butter.
"Und jetzt, Kurt?", dringt Claudias niedliche Stimme durch die Stille an Kurts Ohr...
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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.
Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.
Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern
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