MS Gateway – Der Multiple Sklerose Info-Dienst

Homepage :: Alles über MS :: Rolli-Kurt :: Rolli-Kurt: 1. Buch :: 19 - Kurt kommt ins Grübeln

Kurt kommt ins Grübeln

Rolli-Kurt

Folge 19 in der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

°'°o.o°'°o.o°'°o.o°'°

<<< Planet Brain

Eine rote Rose >>>

°'°o.o°'°o.o°'°o.o°'°


°'°o.o°'° °'°o.o°'° °'°o.o°'°

Wie oft macht ein Mensch denselben Fehler?

Beliebig oft ist wohl die Antwort.

Kurt sitzt da und schlürft den heißen Tee, während das Personal bereits die Tische abräumt. Er hat das Gefühl, eine zweite Tanja gefunden zu haben. Und gleichzeitig die Ahnung, dass er sie so schnell, wie er sie gefunden hat, auch wieder verlieren wird.

Wie oft macht ein Mensch ein und denselben Fehler?

Denk nach! Warum hast du deiner Traumfrau damals im Medikamentenrausch den Laufpass gegeben? Kurt horcht in sich hinein.

Er weiß es schon lange. Er wollte es nur nicht wahrhaben. Selbstmitleid. Pures Selbstmitleid, verbunden mit Arroganz. Tanja hatte damals bestimmt alles erwartet, aber nicht eine derartige Demütigung. Und Kurt hatte nie Anstalten gemacht, sich zu entschuldigen. Die Wahrheit war die ganze Zeit in ihm verborgen. Viel zu spät erkannte er seine Ohnmacht der neuen Lebenssituation gegenüber. Wie die Minimachos auf der Deele. Immer Herr der Lage. Jungs heulen nicht. Lieber alles kaputt machen als Zugeständnisse - an sich selbst.


°'°o.o°'° °'°o.o°'° °'°o.o°'°

Was muss noch alles geschehen, bevor Kurt seinen neuen Platz in der Gesellschaft akzeptiert. Wie hätte er damals mit Tanja zusammenbleiben können? Einer Frau, die auf alles eine Antwort hat. Eine, die nicht lamentiert, sondern anpackt. Kurt war sich schwach und verloren vorgekommen. Vom Leben betrogen. Er hatte das alles nicht verdient. Was hatte er nicht alles erreicht im Leben? Und dann schien man ihm unberechtigterweise, wie einem Jungen das Lieblingsspielzeugauto, alles wegzunehmen.

Warum ich?

Jetzt hockt er zusammengesunken vor der inzwischen kaltgewordenen Tasse Tee und starrt auf die angebissene Scheibe Brot vor sich auf dem Teller. Seine Augen sind glasig geworden und er zerfließt in Selbstmittleid.

Das Klappern des Geschirrwagens zeigt ihm, dass der Essenssaal geschlossen wird. Claudia kommt nicht mehr.

Auf dem Flur trifft er Bernd.
"Hast du dich von deinem Abflug erholt Kurt?"
"Halb so wild Bernd", entgegnet Kurt knapp.
"Kommst du nachher ins Kasino? Wir treffen uns da abends auf ein Gläschen", fragt Bernd lächelnd.
"Mal schaun. Ok?"


°'°o.o°'° °'°o.o°'° °'°o.o°'°

Er liegt auf dem Rücken in seiner Koje, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und starrt an die Decke. Was soll er jetzt tun? Zwei Tage in der Klinik und es kommt ihm vor, als sei er schon Monate hier. Sogar das öde Zimmer ist ihm vertraut. Bei dem Gedanken an die Galavorstellung beim Rollitraining heute nachmittag, muss Kurt unwillkürlich grinsen. Nie zuvor hat sich Kurt so gern zum Affen gemacht.

Was war nicht alles geschehen in den letzten zwei Tagen. Vielleicht kommt Claudia ja gleich in die Kantine. Aber, was sage ich ihr? Ob sie mich überhaupt mag? --- Ich gehe einfach runter und dann...


°'°o.o°'° °'°o.o°'° °'°o.o°'°

Als Kurt im Kasino - einem eher kneipenähnlichen Bereich - kommt, rufen ihm die Tischgesellen schon wild gestikulierend zu.

"Komm setz dich hin, Kurt. Du kannst deinen Rolli da an der Seite abstellen.", ruft ihm Bernd zu.

Sein Blick schweift in die Runde. Claudia ist nicht da.

"Na Flieger, habe schon von deiner Glanznummer gehört. Du lässt nichts aus, um Gesprächsthema zu werden, was?!", schrillt ihm die Stimme von Tine am anderen Ende des großen Tisches entgegen. Kurt ignoriert Tines Bemerkung und bestellt sich einen Orangensaft.

Die unterbrochene Diskussion wird fortgesetzt. Die Wortführer kennt Kurt nicht. Man regt sich verbissen über Politik, Gott und die Welt auf. Es entbrennt ein hitziges Gespräch über die benachteiligten, armen Behinderten. Egal welcher politischen Meinung man ist, die Schuldigen an der eigenen misslichen Lage sind schnell und übereinstimmend gefunden. "Die da oben!" Wer immer die da oben auch sein mögen, die sind jedenfalls schuld. Woran, hat Kurt noch nicht rausgefunden. Aber das scheint auch egal zu sein.


°'°o.o°'° °'°o.o°'° °'°o.o°'°

Kurt nippt an seinem Orangensaft und ist in Gedanken bei Claudia. Die Jammerdebatte ist zu einem Hintergrundrauschen verblasst. Kurt sieht Claudia in Gedanken am Rollator gehen, mit diesem speziellen Hüftschwung. Er fühlt sich so sehr zu ihr hingezogen. Doch da ist etwas, das ihn zurückschrecken läßt, das ihn in einen Zwiespalt drängt: Claudia ist behindert.

Kann man sich mit einer behinderten Frau sehen lassen? Was sollen die Leute denken? Es ist doch nur natürlich, wenn man sich darüber Gedanken macht. Oder? Was werden seine Freunde und Kollegen sagen?

Kurt stellt sich vor, wie sie in einem Restaurant bei Kerzenlicht an einem Tisch für Verliebte sitzen und Meeresfrüchte knacken. Ein italienischer Stehgeiger sorgt für einen unvergesslichen Tag voller Romantik.

Und dann! Dann versucht Claudia mit dem speziellen Hummerbesteck das beste Stück Fleisch aus den Hummerscheren freizulegen. Eine folgenschwere Entscheidung. Ataktisches Schütteln der Arme, das in unkoordinierte Drohgebärden mit Stichwaffen mündet, sorgt für Aufsehen. Alles schaut auf das Naturschauspiel. Kurt fühlt förmlich die musternden Blicke der Anwesenden, während Claudia mit dem Hummerbesteck kämpft. Je mehr sie sich müht, umso gefährlicher wird es für sie und die anderen Restaurantgäste.

Der Stehgeiger geigt sich langsam, kaum merklich zu einem anderen, sichereren Tisch hinüber. Claudia läßt nicht ab von ihrem Hummer.

"Soll ich...?"

"Nein!", schreit Claudia mit wutverzerrtem Gesicht.

Letzendlich wirft sie das Hummerbesteck zur Seite und macht sich mit bloßen Händen über das Meerestier her. Die Scheren werden in einem brutalen Akt herausgerissen und mit beiden Händen zertrümmert. Ein Gemisch aus Schale und schmackhaftem Hummerfleisch verteilt sich über den Tisch. Claudias Gesicht ähnelt... Kurt schüttelt sich bei dieser Vorstellung, und auch wenn seine Phantasien etwas übertrieben sein mögen, kann er sich jetzt ein schlecht gemachtes Lippenpiercing beim Essen mit spitzen Gegenständen als durchaus realistische Folge vorstellen.

Kurt schaut sich im Kasino um. Hier spielt das alles keine Rolle. Ob im Rollstuhl, mit Rollator, geschüttelt oder gerührt, es interessiert niemanden.


°'°o.o°'° °'°o.o°'° °'°o.o°'°


Die Zeit wird knapp. Er hat weder eine Telefonnummer noch weiß er, wo Claudia wohnt. Wenn er recht überlegt, haben sie überhaupt noch nichts Privates ausgetauscht. Morgen fährt Claudia. Es könnte ja auch ein Zufall sein, dass sie weder beim Rollitraining war noch jetzt hier ist...

"Möchten Sie noch etwas trinken?", fragt die Bedienung und unterbricht damit Kurts Gedankenfluss, der sowieso in keine sinnvolle Richtung zu fließen scheint.


°'°o.o°'°o.o°'°o.o°'°o.o°'°o.o°'°o.o°'°o.o°'°o.o°'°o.o°'°

<<< Planet Brain 

Eine rote Rose >>>


°'°o.o°'°o.o°'°o.o°'°o.o°'°o.o°'°o.o°'°o.o°'°o.o°'°o.o°'°

"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

Über Dirk Riepe >>>


Communityticker

Mitglieder gesamt: 10612

Zur Zeit online: 137

Forenbeiträge: 94681

Community Login

MS-Gateway - Der Chat

BETAPLUS-Serviceteams

In Deutschland:
0800-2382337
oder
0800-BETAFERON

In Österreich:
0800-233099
www.betaplus.at

Fragebogen ms-gateway.de Schließen