... wie der Herbstnebel
Folge 17 in der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"
von Dirk Riepe
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<<< Mordsspaß an der Bordsteinkante
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Kurt schafft es gerade noch zum Abendessen an Tisch 9. Claudia ist nicht da. Er sitzt ganz allein da und trinkt nur eine Tasse Tee. Das Rolli-Training hat einen Mordsspaß gemacht. Sein Körper dankt es ihm mit deutlichen Zeichen. Der Tonus im rechten Bein macht seinem Unmut durch Muskelzuckungen im Oberschenkel klar. Überanstrengung? Damit hat Kurt Erfahrung. Er erinnert sich an einen der Auftritte des ER-Schatten, und das geht ihm durch Mark und Bein:
Es begann unvermittelt, plötzlich, heftig. Kurt wachte eines Morgens auf und schaute zu Tanja hinüber. Kurze Zeit nach dem Studium, er war schon diagnostiziert, hatte er Tanja wiedergetroffen. Sie waren beide ohne Beziehungskiste und verliebten sich erneut ineinander. Es war, als wäre in der ganzen Zeit nichts passiert. Tanja liebte Andreas-Maximilian, sie liebte Kurt, sie liebte ihn.
Es interessierte sie nicht, mit wie viel Frauen Kurt in der Zwischenzeit geschlafen hatte. Kurt interessierte sich brennend für Tanjas Liebesleben. Tanja war Kurts MS egal. Sie schien überhaupt keine Angst vor den möglichen Folgen zu haben. Sie brachte ein nie erwartetes Verständnis auf. Kurt fühlte sich einerseits geborgen, andererseits durch soviel Verständnis und bedingungslose Liebe unter Druck. Und das, wo Tanja keine Forderungen stellte, sich nicht aufdrängte, nichts. Sie war einfach da mit ihrer Liebe. Ohne Bedingungen.
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Als er an diesem Morgen beim Aufwachen mit einem geborgenen Lächeln zu dieser einzigartigen Frau hinüberblickte, löste sich von der auf der Seite liegenden Tanja eine zweite Tanja ab, wie ein Geist, und schwebte über der wirklichen Tanja und entfernte sich ganz langsam, fast unmerklich.
Kurt öffnete und schloss die Augen mehrmals hintereinander, um dem Spuk ein Ende zu machen oder zu begreifen, was da los war, aber es war stets dasselbe: das Geistbild entstand und schwebte langsam weiter.
Blitzartig fuhr er im Bett hoch und schaute auf den Schlafzimmerschrank vor dem Bett. Er bemerkte erst nichts. Bei genauerer Betrachtung aber hatte sich die Anzahl der Türen des Schranks vermehrt und einige waren genauso nebelhaft wie die geisterhafte zweite Tanja. Die Türen tanzten auch noch schief nebeneinander, als wären über Nacht alle Scharniere abgesackt. Kurts Herz pochte hart und mit innerer Macht gegen seinen Brustkorb. Er öffnete nur das linke Auge und sah den Schrank merkwürdig wolkig, so als hätte die Holzmaserung durch den Lichteinfall stellenweise weiße Flecken bekommen.
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Ein Blick zu Tanja und das Auge nahm die weißen Flecken einfach mit und projizierte sie auf Tanjas schlafendes Engelsgesicht. Kurt sah sie und fuhr entsetzt zurück. Ihr Gesicht war einseitig verätzt, mutiert zu einer Fratze, die nach seinem Herz lechzte.
Er sprang in Panik aus dem Bett und rannte ins Bad, dabei prallte er krachend gegen den Türrahmen, der gleich mehrmals in seinem Blickfeld aufgetaucht war. Über das Waschbecken gebeugt stand er da und versuchte, den Wahnsinn, der in sein Leben Einzug gehalten hatte, mit ein paar Händen voll Wasser wegzuwaschen.
Er spürte, wie sich Tanjas Arme liebevoll von hinten um ihn schlangen. Er beruhigte sich sofort, schloss die Augen und genoss die warme Geborgenheit der Umarmung.
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"Was ist los mit dir?"
Er richtete sich auf, öffnete die Augen und sah im Spiegel die Fratze. Dieses Mal war der Schock schon erträglicher und er antwortete.
"Irgendetwas stimmt mit meinen Augen nicht."
"Willst du zum Arzt gehen?"
"Lass uns erstmal frühstücken"
"O.K."
Diese einfühlsame, zurückhaltende Art Tanjas war einfach unglaublich. Beim Frühstück stieß Kurt die Tasse um, griff in Marmeladenschälchen, machte Augenübungen à la Marty Feldmann...
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Tanja sagte: "Wir gehen nach dem Frühstück zum Arzt. Ich sage in der Firma Bescheid, dass ich nicht kommen kann."
Es bestand nicht der geringste Zweifel, dass sie nun zum Arzt gingen. Tanja hatte schon den Hörer in der Hand und schilderte der Arzthelferin am Telefon Kurts Ausfälle und wies auch auf die Dringlichkeit hin. Nach einem: "Hmm, Moment mal", sagte die Arzthelferin, "wir hätten da einen Termin Mittwoch in sechs Wochen."
"Was?!"
Und schon hatte Tanja den Hörer aufgeknallt und auf der Suche eines anderen Neurologen zum Telefonbuch gegriffen. Der dritte Anruf bescherte ihnen einen sofortigen Termin.
Kurt saß während der Telefonate einfach da, blinzelte weltmeisterlich mit den Augen, als wenn Stroboskopgucken etwas ändern würde, und nahm Kontakt mit seinem Inneren auf. Irgendwo musste die Quelle, der ER, doch zu finden sein. Seine Augen schmerzten mittlerweile und ihm war schwindlig geworden. Tanja hielt den Autoschlüssel in der Hand und stand, ohne ein Wort zu sagen, vor ihm.
"Kannst du bitte für mich..."
"Schon erledigt, alles klar, lass uns fahren."
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Tanja hatte einen sehr netten älteren Neurologen ausgesucht, der Kurts psychedelischen Erzählungen ohne Häme und mit ernster Mine folgte. Er sagte, er würde auf Diplopie und Augennerventzündung im linken Auge tippen. Wenn die anschließenden Untersuchungen positiv ausfielen, würde er zu einer Cortisonstoßtherapie raten. Kurt könne die ambulant bei ihm machen oder im Krankenhaus. Er fügte bei, dass Diplopie, also Doppelbilder, bei den meisten MS-Patienten gut auf Cortison ansprechen. Alles war positiv. Also positiv beschissen.
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Etwa 1,5 Stunden später lag Kurt auf der Behandlungsliege im Nebenraum, hatte einen Butterfly[1] in der Armbeuge und zählte die Tropfen, die unaufhörlich im Halbsekundentakt aus dem Glasbehälter in den Schlauch tropften. Tanja saß neben ihm, den ganzen Vormittag. 1000 Milligramm Cortison.
Er hatte damals im Krankenhaus 150 Milligramm und alle 2 Tage 25 Milligramm ausschleichend bekommen und war damit der König der Cortibezieher auf der Neurologischen gewesen. Einzelne Grammzahlen höher oder niedriger entschieden über den Mitleidsfaktor. Aber 1000! Dazu fiel ihm gar nichts ein. Er hatte mal eine Gesichtscreme gegen Akne. Der Hautarzt hatte ihn aber sehr gewarnt vor den Nebenwirkungen. Mit dem Beipackzettel konnte man sein WG-Zimmer tapezieren. 250 µg (Mikrogramm) war der Anteil in der Creme. 1000 Milligramm! Mathe war nicht seine Stärke, aber irgendwie war der Vergleich krass.
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Neben ihm auf dem Tischchen stand das Fläschchen mit Cortison. Über ihm schwebte die Flasche mit der angemischten Injektionslösung am Haken des Galgens. Die Oberfläche war mit pulsierenden Blasen bedeckt, die jeden einzelnen Tropfen, der in den Blutkreis eindrang, durch eine gleichgroße Menge Luft, eingeschlossen in einer dünnen Feuchtigkeitsschicht, ersetzte.
Sein Blick wanderte immer wieder hinauf zur Flasche, um dann dem gesamten Schlauch hinunter bis zum Zugang zu folgen und zurück. Auf dem Weg traf er eine Luftblase, die scheinbar unbewegt, in einer leichten Biegung des Schlauches festsaß. Bei genauerer Betrachtung gab sie dem Beobachter die Langsamkeit ihrer doch vorhandenen Bewegung preis. Alle Konzentration war nötig, um ihr zu folgen.
Je mehr der durchsichtigen Flüssigkeit in Kurts Arm verschwand, umso ungeduldiger wurde er. Der Rhythmus der auftauchenden und gleichzeitig platzenden Luftblasen schien unverändert. Er hasste die Luftblasen.
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Tanja hatte sich eine Zeitung geschnappt und saß mit übereinandergeschlagenen Beinen auf dem eigens für sie hereingestellten unbequemen Holzstuhl. Wie konnte sie nur so stoisch dasitzen?
Wie konnte sie so langmütig sein? Kurt beobachtete sie. Die Luftblasen platzten.
Tanja hatte ein Kaugummi im Mund. Ober- und Unterkiefer bewegten sich gleichförmig. Jedes Öffnen des Mundes schien ein ohrenbetäubendes, ekelhaftes Schmatzen zu erzeugen. Dann führte sie langsam die Hand zum Zwecke der Befeuchtung des Zeigefingers an den Mund und schmierte die abstoßende Mischung aus Speichel und Kaugummimasse auf die total idiotische Frauenzeitschrift.
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Die Unruhe wurde fast unerträglich. Er vermeinte im Körper das Eindringen der Droge in jede einzelne Körperzelle zu spüren. Er schloss die Augen.
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<<< Mordsspaß an der Bordsteinkante
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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.
Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.
Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern
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[1] Ein sog. "Butterfly" ist eine kurze, dünne, geschliffene Hohlnadel, an der ein kurzer Schlauch befestigt ist. Zum Anfassen und Befestigen hat der Butterfly zwei Plastiklappen, die ihm ein schmetterlingsähnliches Aussehen verleihen. Zum Befestigen wird ein Pflasterstreifen über die Plastiklappen und die Haut geklebt. Der Butterfly ist für Injektionen und Kurzinfusionen geeignet.




