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Was ist Ihr Ziel?

Rolli-Kurt

Folge 14 in der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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<<< Kribbeln in der Magengrube

Ein richtiges Spaßgerät >>>

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Die weitere Gestaltung des Morgens ähnelt sehr der des Vortages, mit dem Unterschied, dass statt Ärzten und Schwestern nun Therapeuten die bekannten Fragen gebetsmühlenartig wiederholen. Den Abschluss fand das Verhör beim Physiotherapeuten in der sinnigen Frage:

"Was haben Sie denn für ein Ziel?"

"Wie? Ziel?"

"Na, was haben Sie sich für ein Reha-Ziel gesteckt?"

Das ist eine garantiert eine Fangfrage, überlegt Kurt und entscheidet sich dann aber spontan für die Wahrheit.

"Rollstuhlfahren?"

Jetzt ist der Therapeut etwas verdutzt.

"Hääh?"

"Na, Rollstuhlfahren lernen. Es gibt doch hier Rollitraining, oder?"

"Ja, aber..."

"Ok, dann sind wir doch fertig. Andere Ziele habe ich im Moment noch nicht."


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Kurt will gehen, steht auf, dreht sich um und winkt dem Therapeuten nochmal nett zu. Er verschwindet auf dem dunklen Gang. Das Date mit Claudia naht und Kurts Nervosität steigt. So bemerkt er nicht, dass er ohne Rolldienst unterwegs ist und keine Ahnung hat, wie man aus dem Keller von Haus 3 in den Durchgangsraum im Parterre zwischen Haus 1 zu Haus 2 kommt. Das letzte Mal, dass er sich so übel verfahren hat, war in Neapel.

Er hatte sich damals hoffnungslos verirrt. Jedes entgegenkommende Fahrzeug begrüßte ihn mit Aufblenden und Hupkonzert. Einige drehten sogar die Fenster herunter, um ihm ein paar nette Worte in der Heimatsprache zu zurufen. "Lucia, Lucia" riefen sie gestikulierend aus den Seitenfenstern italienischer Kleinwagen. Wenn keine Fahrzeuge hinter ihm gewesen wären, hätte die Vermutung nahe gelegen, sich in einer Einbahnstraße zu befinden. Allerdings, so viele Einbahnstraßen konnte es selbst in Neapel nicht geben. Bei 35°C im Schatten kochte ihm das Wasser im Po, als er, der Verzweiflung nahe, an der Seite anhielt. Einer der Zeremonienmeister des Aufblendens und Hupens, bei gleichzeitigen wilden Armbewegungen und den für Kurt schon zum Allgemeingut gehörenden Beschwörungsformeln: "Lucia, Lucia" blieb neben ihm stehen und rief abermals: "Lucia", wies dabei auf seine Scheinwerfer vorn und fuhr weiter, da sich hinter ihm schon eine Menschenmenge in Kleinwagenblech verpackt mit der landesüblichen Lieblingsbeschäftigung, dem Hupkonzert im Straßenverkehr beschäftigte. Er hatte das Abblendlicht nicht eingeschaltet. Klar, "Lucia"! Jedenfalls war es das was er verstand. Eigentlich rief man ihm immer "Lucia... irgendwas" zu. Schnell schaltete er damals in Neapels Gassen, umsäumt mit geschichtsträchtiger Architektur, das Abblendlicht ein. Endlich konnte er sich, unbehelligt vom Hupen der Einheimischen, in Ruhe vollständig verirren.

Jetzt geht es ihm ähnlich.


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Zum Glück gabelt ihn verloren umherrollend endlich der Rolldienst auf und geleitet ihn, zwar ohne Hupen, aber mit einer anständigen Standpauke, durch die Gänge.

Claudia steht am Kaffeeautomaten und lächelt ihm zu. Keine Spur von Aufgeregtheit. Wie kann man nur so ruhig dastehen, wenn man gerade eine halbe Stunde stehen gelassen wurde?

Claudia schaut auf Kurts Rolli und ihr Lächeln schwindet.

"Was ist das denn für eine Gurke?"

"Wieso? Das Teil ist ganz neu. Gefällt dir mein Rolli nicht?"

"Ich glaube, wir müssen nachher mal zusammen beim Rollitraining vorbeischauen. Ziehst du mir mal einen Cappu, bitte?"

Ohne dass es Kurt auffällt, hat Claudia das Thema Rolli auch schon wieder beendet. Sie sitzt auf ihrem Rollator und Kurt hockt eine Stufe tiefer in seinem Rolli. Es herrscht eine unangenehme Stille, die zum Bersten mit Energie geladen ist. Kurt sucht im Kopf nach einer Gesprächseröffnung, wie ein Schachspieler vor der alles entscheidenden Partie. Außer ein paar blöden Floskeln fällt ihm nichts ein.

"Der Automatencappu ist lecker?"

"Ja."

Claudia denkt darüber nach, ob sie Kurt für die verbleibenden zwei Tage näher an sich ranlassen soll: Entweder der Typ ist total schüchtern oder der hat kein Interesse. Süß ist er ja in seiner Unbeholfenheit. Er könnte mich ja auch mal ein bisschen anmachen. Wenn er mich mag! Ich habe ja nicht mehr viel Zeit hier!

"Bist du verheiratet?"

Das war eine geschickte Eröffnung, denkt sich Kurt: Zu fragen, ob sie einen Freund hat, ist mir zu direkt. Das könnte sie als Anmache auffassen. Die Frage nach einem Ehestatus ist viel unverfänglicher. Mann, die Stille macht mich fertig.

"Nein. Mein Freund hat sich schon vor längerer Zeit vom Acker gemacht. Wir waren immerhin acht Jahre zusammen. Ich kann ihn aber gut verstehen. Na ja."

Die Unterhaltung hat sich immer noch nicht entkrampft. Kurt hat keine Antwort parat. Er kann den Typen gut verstehen. Eine behinderte Frau! Er fühlt sich zunehmend unwohler in seiner Haut. Claudia versucht derweil, den Cappu zum Mund zu führen. Je näher der weiche Plastikbecher dem Mund kommt, umso wackeliger wird die Angelegenheit. Als müsste Kurt mittrinken, bewegt er die Lippen und hat den Mund halb offen. Kurz bevor der erste Schluck endlich den hübschen Mund passieren kann, bricht sie den Versuch ab.

"Ich habe meine Saughalme vergessen."

Dämlich glotzend sitzt Kurt vor Claudia.

"Willst du mir nicht helfen?"

"Klar, klar. Was soll ich denn machen?", stottert Kurt unbeholfen.

"Wie wär’s mit Becher halten?"

Ängstlich, schwitzend hält Kurt den Becher, während Claudia seine Hände umschließt. Sie schaut ihm direkt in die Augen. Diese Augen! Kurt hat wieder dieses Gefühl. Nicht beschreibbar. Verwirrend. Angenehm und abschreckend zugleich. Sein Kopf fühlt sich an, wie bei einer Fahrt im Riesenrad. Schwindelnde Höhen und abgrundtiefe Talfahrten.

"Ist es so schlimm, für mich den Becher zu halten?"

"Ich, ich.."


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Vorsichtig stellt Claudia den Becher mit Kurts Hilfe auf dem kleinen Tischchen neben dem Kaffeeautomaten ab. Sie hält noch einen kurzen Augenblick seine Hände umschlossen. Ihre Augen glänzen ein wenig. Dann steht sie auf und geht wortlos. Kurt möchte ihr etwas hinterher rufen, aber stattdessen sitzt er einfach nur da und sagt nichts.


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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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