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Ein typischer Aufnahmetag in der Reha

Rolli-Kurt

Folge 12 in der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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Kribbeln in der Magengrube>>>

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Kurts schläfriger Blick erfasst, mehr schemenhaft, das Bild an der gegenüberliegenden Wand. Ein Stillleben der übelsten Sorte: Kleinstadtidylle, festgehalten in "Malen nach Zahlen"-Manier. Es ist noch dunkel draußen. Auch die schummrige Notbeleuchtung an der Eingangstür vermag dem Bild keinen Charakter einzuhauchen.

Kurt ist in Loch Nr. 548 aufgewacht. Er war nach all den Untersuchungen und Befragungen des gestrigen Tages so fertig, dass er ohne Abendbrot ins Bett gefallen war. Besonders die Befragungen waren in höchstem Maße ermüdend. Diese ewigen Wiederholungen. Eine Litanei, die er bei jedem neuen Neurologen wieder und wieder abspulen musste. Bevor jedoch die Ärzte fragten, durften die Schwestern ran.

Ein typischer Aufnahmetag eben.


Seit wann haben Sie MS?

Welche Medikamente nehmen Sie?

Stuhlgang?

Hilfsmittel?

Brauchen Sie Hilfe?

Das war nur ein Teil der Fragen, die eigentlich durch die Krankenakte bekannt waren, die nun schon seit fünf Jahren geführt wird. Aber weit gefehlt. Was Kurt im Antragsformular alles angegeben hatte, war anscheinend ungelesen in irgendeinem Aktenschrank verschwunden. Nach dem Blutdruckmessen war die Arbeit der examinierten Krankenschwester erledigt und der völlig überlastete Stationsarzt begann mit den gleichen Fragen, die vor nur zehn Minuten schon alle beantwortet wurden. Der Stationsarzt war leider nicht so behende im Schreiben wie die Schwester.


Kurt hört, wie er so auf dem Bett liegt, ohrenbetäubenden Lärm vom Flur. Metallene Geräusche von aufeinander schlagendem Essbesteck und Rollgeräusche eines Essenswagens, der seine Gummibeschichtung auf den Rollen schon vor Jahren verloren hat, dringen durch die dünnen Wände, als würde der Wagen direkt durch Loch Nr. 548 rollen. Kurt schaut auf die Uhr. Es ist 5:30 Uhr. Das Scheppern entfernt sich langsam und Kurt schließt die Augen. Was war das gestern für Tag.


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"Sie haben nicht angegeben, dass Sie rollstuhlpflichtig sind! Deshalb haben Sie kein entsprechendes Zimmer."

"Seit wann haben sie MS?"

"Welche Medikamente nehmen Sie?"

"Stuhlgang?"

"Hilfsmittel?"

"Brauchen Sie Hilfe?", leierte der Neurologe sein Programm eintönig herunter.

Der Mann, der Kurt gegenübersaß, sah aus wie ein zu groß gewachsener kleiner Junge. Der Versuch eines Oberlippenbartes machte die ganze Erscheinung noch unglaubwürdiger. An den Schläfen war das ehemals schwarze Haar schon mit reichlich Grau durchsetzt. Sein Alter war wirklich sehr schwer zu schätzen. Emotional benahm er sich wie Kurts Jugendliche beim ersten Besuch auf der Jugenddeele. Jedenfalls einige. Sie drückten sich dann an den Wänden entlang und beobachteten die anderen im Billardraum. Als könnten sie sich dadurch unsichtbar machen, schauten sie auf den Boden und vermieden jeglichen Blickkontakt.


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Den gleichen schüchternen, unsicheren Eindruck machte dieser Mann auf Kurt. Sein Kittel war mit Flecken undefinierbarer Herkunft übersät. Jede Bewegung seines rechten Arms beim Schreiben löste einen leichten Luftzug innerhalb des Kittels aus und eine unsichtbare Wolke übelsten Schweißgeruchs zog Kurt in die Nase. Nachtdienst konnte nicht der Grund sein: Es war früher Nachmittag. Kurt betete, dass ihm der Mensch nicht allzu nahe käme. Wer weiß, was für absonderliche Gase aus dem Arztinneren noch nach außen dringen würden.

In dem speckigen Kitteltasche steckten die üblichen Instrumente. Stethoskop, Reflexhammer, allerlei Holzstäbchen und eine Minitaschenlampe. Kurt überlegte krampfhaft, ob es eine neurologische Untersuchung gab, bei der man Dinge in Körperöffnungen steckt. Zum Glück fiel ihm keine ein.

Es folgte der gymnastische Teil.

Finger-Nase-Versuch, Underberger-Stehversuch... - Kurt hätte allenfalls einen Underberger-Trinkversuch starten können. Aber das war ja eigentlich auch alles bekannt.


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"Ausziehen und aufs Bett legen!"

"Alles?"

"Bis auf die Unterwäsche."

Kurt tat wie befohlen.

"Beide Beine gestreckt anheben!"

"Kann ich nicht."

"Versuchen Sie es!"

Kurts Gesicht ähnelte einer roten 100-Watt-Glühbirne, wobei seine Beine unbeirrt flach auf dem Bett liegenblieben.

"Geht nicht!"

"Nun strengen Sie sich mal an, Mensch!", herrschte das Männchen Kurt aufgebracht an.
Der Arzt hatte sich vom zurückhaltenden, eher verklemmt wirkenden Sechsjährigen im Körper eines Erwachsenen in einen amerikanischen Drill Instructor verwandelt. Kurts Mitleid für den verklemmten, offensichtlich allein lebenden Menschen verflog schlagartig.


Naja, jedenfalls änderte auch die harte Nummer nichts an der Arbeitsverweigerung von Kurts Beinen.

"Geht nicht."

"Gut, dann nur mit dem linken Bein."

Langsam hob sich das linke Bein um wenige Zentimeter vom Laken.

"Weiter, los weiter! Ein Stück geht noch! Weiiiiiter!!"

Kurts Beine hatten aber anderes im Sinn. Ausruhen. Liegen bleiben. Bein-Chillen.

"Was meinen Sie? Das waren doch bestimmt 18 Zentimeter!"

'Meint der das ernst?'

Die gleiche Prozedur wurde mit den übrigen Extremitäten vollzogen. So sind sie, unsere Neurologen in den Rehakliniken. Statt zu fragen - Misstrauen ist eine der Haupttugenden der neurologischen Zunft - quält man die Ehrlichen mit idiotischen Untersuchungen und lässt sich von den paar Unredlichen trotzdem hinters Licht führen. Die zwanghafte Kategorisierungssucht der Mediziner macht vor keiner Idiotie halt.


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Dann wurde das ganze noch mit der Frage nach der Gehstrecke gekrönt. "Wie weit können Sie maximal gehen?"

Maximal! Oh, diese ewige Suche nach dem Maximalen, dem Größten, dem Weitesten oder dem Längsten. War das so wie bei DSS (Deutschland sucht den Superbehinderten)? Du musst immer 120% geben, sonst bist du raus. Detlef D. kommt und macht dir Angst. Meinte er so etwas vielleicht? Nur einer kommt durch?

Kurt versuchte seinen Jugendlichen auf der Deele einen möglichst sinnvollen Blick auf die Welt zu vermitteln. Er wollte sie vor dem menschenverachtenden Exhibitionismus der meinungsbildenden Medien bewahren. Statt DSDS bot Kurt eine E-Gitarrengruppe an, die von einem Studienkollegen geleitet wurde. Kurt spielte leider kein Instrument. Dafür war die Schraubergruppe ein absoluter Hit, der seinesgleichen sucht.

Sein Vater hatte für die schönen Künste nicht viel übrig. Er war Schweißer. Nach der Arbeit wollte er seine Ruhe. Mutter durfte nicht einmal mit dem Geschirr klappern. Sonst lief sie Gefahr, in überflüssigen Diskussionen den Kürzeren zu ziehen. "So lange ihr alle eure Beine unter meinen..."

"Keine Ahnung! Nicht sehr weit jedenfalls."

"Ein bisschen präziser geht es wohl nicht? Herr...?!"

"Kurt bitte, einfach nur Kurt."

"Also Herr Kurt, so kommen wir nicht weiter. Um ein effektives Reha-Ergebnis erzielen zu können, müssen wir Ihren derzeitigen Stand exakt bestimmen. Wie weit können Sie nun ohne Hilfsmittel noch gehen?"

"Ach so! Ohne Gehstützen, ja?"

"Was dachten Sie denn Herr Kurt? Hier haben wir ja einen richtigen Witzbold."

"Hören Sie mal! Sie haben nichts von ohne Hilfsmittel gesagt!"


Kurt war nach der langen Fahrt und den ersten Eindrücken in der Klink, mit dem 50er-Jahre-Loch und anschließendem Nervenzusammenbruch auf den verschlungenen Wegen durch die Klinikarchitektur etwas gereizt. Und dann dieser merkwürdige Mensch in seinem nach Schweiß riechenden, ehemals weißen Kittel, der ihm nicht in die Augen schauen konnte. Stattdessen schaute er die ganze Zeit auf seine kryptischen Aufzeichnungen. Und wenn sich der Sichtkontakt nicht vermeiden ließ, hielt er ihm nicht eine Sekunde stand und schaute dann wieder auf den Boden. Bei jedem Blick auf den Boden schien der Neurologe neuen Mut für die nächste Verbalattacke zu sammeln.

Schwestern stinken übrigens nicht. Auch Nachtschwestern stinken nicht. Schwestern müssen körperlich arbeiten. Ärzte nicht. Wieso laufen dann so viele ausdünstende Ärzte in schmuddeligen Kitteln durch die Gänge der Kliniken? Schwestern haben geputzte Zähne und sorgen für eine weitestgehend bakterienfreie Mundflora, die durch ein wenig Mundwasser oder Pfefferminz den letzten Schliff bekommen. Ärzte schaffen diesen Schritt normaler Körperhygiene wahrscheinlich durch die permanente Überarbeitung nicht.


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"Fünf Meter mit Anlauf.", antwortete Kurt schließlich grinsend.

Der Neurologe ignorierte Kurts Anspielung und ging zum Reflextest über.

"Setzen Sie sich bitte auf die Bettkante und schlagen Sie die Beine übereinander", befahl der Arzt.

Mit diesen Worten holte er den Diagnosestab, einen kleinen metallenen Reflexhammer aus seiner schmuddeligen Kitteltasche - eine Luxusversion, die auf der Griffseite eine Art Spatel hatte, mit dem man unter den Fußsohlen kratzt.

Ein Hammer, eine Stimmgabel und Holzzahnstocher zur Taubheitsprüfung flößten Kurt nicht gerade Vertrauen in die moderne Apparatemedizin ein. Offensichtlich befand sich die Neurologie noch in der Zeit Charcots, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts Bedeutendes für die Beschreibung der MS als eigenständige Erkrankung geleistet hatte. Er tat dies wahrscheinlich mit Hammer, Stimmgabel und Zahnstochern. Aber, waren die Zahnstocher zu der Zeit überhaupt schon erfunden?

"Ich kann die Beine nicht so einfach übereinanderschlagen.", sagte Kurt. "Wegen der Streckspastik in den Beinen."

"Die Diagnose überlassen wir doch besser dem Doktor!", brummelte der Neurologe.

Kurt hatte jetzt keine Lust mehr auf Debatten und gab sich der Kunst der Neurologie hin.

"Lassen Sie Ihre Beine, wenn es nicht anders geht, locker nebeneinander stehen. Ganz locker!"

'Der hat doch überhaupt keine Ahnung, was unlocker bedeutet.'

Nun stellte sich der Mediziner breitbeinig vor Kurt und holte mit seinem Hammer zum Schlag aus. Seine linke Hand ruhte auf Kurts rechtem Bein.

"Das würde ich nicht..." Kurt kam nicht mehr dazu, vor der Naturgewalt der menschlichen Muskulatur zu warnen. Der Hammer berührte mit nur einem ganz seichten Stoß den sensiblen Punkt unter Kurts Kniescheibe des linken Beins. Wie die Fangarme einer Gottesanbeterin, deren Bewegungen in großer Geschwindigkeit ablaufen und für das menschliche Auge nicht sichtbar sind, schnellte Kurts linkes Bein hoch und der Fuß vergrub sich mit einem dumpfen Aufprall in des Neurologen Schritt.

Er hatte es nicht anders gewollt. Der Tritt hatte ihn kurz ein wenig von den Füßen gehoben. Kurt schaute ihm wortlos in die weit aufgerissenen Augen, in denen sich der Schmerz spiegelte. Kurts linkes Bein schaffte das Gewicht des bedauernswerten Mannes ohne Mühe.

Diesmal blieb der Blick des Arztes auf Kurts Gesicht gerichtet. Er war leer. Die Schmerzrezeptoren überdeckten alle nach außen gerichteten Sensoren. Wortlos und mit seinem starren Blick auf Kurts rechtem Bein stand er da, während sich die linke Hand fest in Kurts Oberschenkel krallte. Wofür so ein taubes Bein doch gut war! Hoffentlich hatte der Mann seine Familienplanung schon abgeschlossen.

Als die Spastik langsam nachließ und der Mann mit den Füßen wieder Bodenkontakt hatte, mochte er keine weiteren Untersuchungen machen.


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"Blutabnahme!", reißt es Kurt aus den Gedanken an die Untersuchung gestern, die er sicher niemals vergessen wird.


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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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