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Die Feinfühligkeit in Person

Rolli-Kurt

Dies ist Folge 10 in der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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Tisch 9. Das ist die Bezeichnung des Tisches, an dem er die nächsten vier Wochen morgens, mittags und abends verbringen soll. Es ist der größte Tisch im gesamten Speisesaal, und der Altersdurchschnitt liegt deutlich unter dem der übrigen Anwesenden im Saal; vermutlich die Hälfte. Es gilt zu bedenken, dass der Älteste an Tisch 9 immerhin auch schon 60 ist. Gegen viertel nach zwölf sind alle sieben TischgesellenInnen eingetrudelt. Jeder stellt sich vor und alle versprühen eine gute Laune, der sich Kurt nicht entziehen kann. Erstmal ist der Sperrholzbarock von "Loch 548" vergessen. Vorerst.

"Ich bin Kurt" stellt sich Kurt vor, nachdem die Runde ihn mit fragenden Blicken durchbohrt. Wie zur Bestätigung kommt Anne, die Küchendame, mit einem neuen Namensschildchen an Tisch 9. Sofort bekommen alle lange Hälse und wollen schauen, was auf dem Schildchen steht.

"Kurt? Wie - nur Kurt? Heißt du Kurt mit Nachnamen?", fragt Tine, die bei der Schlacht ums Schildchen Siegerin ist. Zum Glück kommt Anne gerade mit dem Hauptgang wieder, was Kurt noch ein wenig Zeit gibt, über seine Antwort nachzudenken.


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Es bringt aber nur wenige Sekunden. Dann hat jeder sein Essen und alle Blicke schwenken wie beim Tennis wieder zu ihm.

"Also Kurt, rück’s raus!", setzt Tine sofort nach. Tine ist eine Mittvierzigerin mit leuchtend rotbraunen Haaren. Die Progressivität steht ihr ins Gesicht geschrieben. Die Brille, durch die ihre Augen noch enervierender wirken, ist perfekt auf ihre Haarfarbe abgestimmt. Selbst der Jogginganzug scheint auf die Gesamterscheinung zugeschnitten. Kurt fühlt sich von soviel Dominanz förmlich erdrückt. Was macht diese Frau wohl hier?

'...Soviel Dynamik gehört eigentlich in eine Wellnesskur für gestresste Manager und Managerinnen. Ihr Platz sollte doch unter einer Gurkenmaske sein, während Pepe, mit frisch eingeöltem nacktem Oberkörper, eine Fußreflexzonenmassage durchführt. Das Ganze nach einer Einzelstunde Tennis bei einem braungebrannten, spanischen Sandplatz-Spezialisten. Danach eine Runde...'

"Ich glaube, wir sollten Kurt in Ruhe essen lassen", wird er von Karl aus seinen Phantasien gerissen. Tine scheint vorerst besänftigt und lässt von Kurt ab.


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Karl ist der Älteste in der Runde. Er macht einen extrem fitten Eindruck. Sein sportliches Äußeres lässt ihn gleich zehn Jahre jünger wirken.

Tine kann sich ganze zwei Minuten zurückhalten.

"MS, oder?", legt sie von Neuem los.

"Sieht man das?", antwortet Kurt verdutzt.

"Auf 100 Meter, Mann! Ich kann hier jedem mit einer 95% Wahrscheinlichkeit auf den Kopf zusagen, was er für einer ist."

Die anderen lauschen gebannt, mischen sich aber in die Diskussion nicht ein.

"Bist wohl noch nicht oft in der Reha gewesen?"

"Nein, das ist Premiere", antwortet Kurt knapp.

"Dafür bist du aber schon ganz schon im Eimer", konstatiert Tine in ihrer feinfühligen Art.

"Komm Tine! Jetzt ist es genug, sonst wechselt Kurt noch den Tisch", mischt sich nun Claudia schlichtend ein.

Die restliche Zeit verbringt Kurt unbehelligt, zuhörend und essend, an Tisch 9. Er ist überwältigt von soviel Direktheit. Ebenso schockierend ist der optische Eindruck des Speisesaals. Förmlich umzingelt von Krankheit fühlt er sich immer unwohler.


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Er wünscht sich fast die bohrenden Fragen von Tine zurück - aber es führt kein Weg am Kontakt mit der Krankheitsrealität vorbei. Jahrelang hatte er es strikt abgelehnt, in Kontaktkreisen oder Selbsthilfegruppen andere MS-Betroffene kennenzulernen. Gerade Pädagogen, ob Sozial- oder Diplompädagogen, sind ja als Helfer besonders allergisch gegen einen Seitenwechsel. Ärzte sollen auch die schlechtesten Patienten sein. Na ja, man hat eben Einblick in die wahren Vorgänge im Heilwesen. Wer würde es den Ärzten übel nehmen, sich nur ungern ihresgleichen auszuliefern? Ein ähnliches Problem hat Kurt.

Das, was sich ihm offenbart, ist für ihn das geballte Elend. Es raubt ihm den Atem und den Appetit. Das, was er hier sieht, macht ihm Angst. Es ist diese schleichende Angst, die in ihm hochsteigt und seine Sinne betäubt. Die Sehnsucht nach der heilen Welt seiner 40m²-Wohnung, allein mit sich und einer gesunden Umgebung, wird immer stärker. Das Loch. Er hat Grund genug , Heiner anzurufen, um ihn zur Befreiung aus dem Heim abzuholen. Gleich nach dem Essen. Heiner würde sofort ins Auto steigen und losfahren. Da ist sich Kurt ganz sicher.

"Heh, was ist los mit dir?", hört er Claudias niedliche Stimme fragen. Dabei legt sie sanft ihre Hand auf seine. Die Berührung fährt ihm ins Innerste, ihr Blick trifft ihn direkt ins Herz. Und er sieht, wie oben auf dem Flur, diese Augen. Sie vermitteln ihm Sicherheit und Geborgenheit. Eine so zierliche, scheinbar zerbrechliche Person strahlt eine derart angenehme Stärke aus, dass Kurt wieder überwältigt ist. Es war also kein Zufall. Wie durch Kirchenfenster, in die das Licht scheint und die gemalten Figuren zum Leben erweckt, hinter die man jedoch nicht schauen kann und soll, blickt er in Claudias Augen.

Fenster zum Glück.


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"Ich, ich bin etwas, etwas überwältigt", stottert sich Kurt zusammen.

"Weichei, kannst die Realität nicht so gut ab, was?", wirft Tine dazwischen, die offensichtlich nur auf ihren Einsatz gewartet hat.

"Hör nicht hin Kurt, das geht jedem beim ersten mal so. - Fast jedem..." fügt Claudia mit einem kurzen Blick zu Tine hinzu.


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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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