Rolli-Kurt :: Folge 1 - Transformationen

"Rolli-Kurt" erscheint hier nun regelmäßig und wird mit seinen Gedanken und Erlebnissen etwa wöchentlich durch die MS-Gateway rollen.
Die Kolumne, verfasst von Dirk Riepe, startet hier mit dem "Piloten".
Transformationen
Rolli-Kurt war nicht immer Rolli-Kurt. Bevor Rolli-Kurt Rolli-Kurt wurde, war er Kurt. Kurt war sehr lange Kurt. Aber er war nicht immer Kurt. Bevor Kurt Kurt wurde, war er Andreas-Maximilian mit Bindestrich. Was seine Mutter geritten hatte, ihn bei seiner Geburt mit diesem Namen zu strafen, blieb ein ewiges Rätsel, das sie mit ins Grab nahm. Sein Vater hatte - jedenfalls behauptet er das - mit der Namensgebung nichts zu tun.
So schlug er sich mehr schlecht als recht durch seine Andreas-Maximilian-mit-Bindestrich-Kindheit. Kinder sind im Umgang gnadenlos. Und "Andreas-Maximilian" war kaum zu toppen. Die Stefans, Uwes, und Rainers waren nicht an einen aristokratischen Doppelvornamen gewöhnt. Was man von so feinen Pinkeln hielt, machten sie ihm alles andere als schonend klar. Sein Name passte einfach nicht in die Gegend. Hätte er seine Kindheit ein paar Kilometer weiter bei den rich Kids verbracht, hätte er sich in guter Namensgesellschaft befunden. So aber gab’s zumindest für den Maximilian nach dem Bindestrich was an den Hals. Jungensspiele eben.
Wenn er mit dicker Backe weinend nach Hause kam, gab ihm sein Vater hilfreiche Tipps, die er in freier Interpretation der Bibel entnahm. "Wenn dir einer auf die linke Wange haut, schlag ihm aufs rechte Auge!"
Diesen wertvollen Ratschlag gab er ihm mit dem immergleichen Lachen und einem Klapps auf den Rücken. Wie sollte jemand mit so einem Namen wie Andreas-Maximilian mit Bindestrich bei den Kais, Peters und Michaels diesen bescheuerten Ratschlag befolgen? Es gab im Viertel eindeutig mehr normale Kinder mit anständigen kurzen Raudinamen als mit so pomadigen Doppelnamen. Jeden Abend nach dem Sport - er musste auf Wunsch seiner Mutter, die strikt gegen Kontaktsportarten war, zur Leichtathletik - bekam er als Betthupferl was an den Hals, während er sich den üblichen Beschimpfungen über Mädchensport und "was für Memmen" ausgesetzt sah. Wenn er Glück hatte, ohne dass man ihm die Luft aus den Fahrradreifen ließ.
Als er mit zwölf seinen Vater davon überzeugen konnte, dass man nur ein richtiger Junge ist, wenn man Fußball spielt, war das Schlimmste ausgestanden. Wenn er nun mit den Fußballkumpels vom Bolzplatz ins Viertel zurückkam, rührte ihn niemand mehr an. Seine Mutter war sehr unglücklich darüber, dass er die Leichtathletik an den Nagel gehängt hatte. Vater war stolz, als er das erste Mal mit einem gebrochenen Finger nach Hause kam, ohne auch nur eine Träne zu weinen. Es dauerte aber noch weitere dreieinhalb endlos lange Lebensjahre, bis Andreas-Maximilian ein Relikt der Vergangenheit wurde.
Es war der sechzehnte Geburtstag eines Freundes, der schon rauchte, soff und eine Freundin hatte. Er bekam endlich einen richtigen Jungensnamen. Bis dahin hatte er als einziger keinen Spitznamen. Andreas-Maximilian war eben nicht zu toppen. Andi war ihm zum Glück immer erspart geblieben.
An diesem Abend hatten sie sturmfreie Bude, und es war die Zeit angebrochen, in der man den Apfelkorn entdeckte. Die Wirkung von Apfelkorn auf das Sprachzentrum machte es den anderen unmöglich, Andreas-Maximilian mit Bindestrich noch anzusprechen.
"Hey, ab jetzt bist du Kurt", lallte ihm Stefan zu. Alle, die sich noch nicht übergeben hatten, prosteten ihm zu: "Auf dich, Kurt!" und schütteten einen weiteren Apfelkorn in ihre Gedärme. Er war erlöst. Kurt Russel, Kurt Cobain, Kurt Schumacher. Er befand sich nun in guter Gesellschaft.
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Das war die Geburtsstunde von Kurt. Kurt erlebte die ersten Stunden nach seiner Geburt nicht bei vollem Bewusstsein. Aber er hatte ja auch noch genügend Zeit für sein langes Leben mit einem kurzen Namen. Nach nur wenigen Wochen Hausarrest, denen eine anständige Tracht Prügel vorausgegangen war, begann er sein neues Dasein zu genießen.
Schon bald hatte man seinen Namen, um den er sich nicht gerissen hatte, vergessen. Sogar seine verstaubten Lehrer akzeptierten seine neue Existenz für den Rest der Schulzeit. Beim Fußball war Kurt als beinharter Abwehrspieler gefürchtet. Die Mädchen standen auf seinen stahlharten Körper und seine in Form von zartem Flaum sprießende Männlichkeit. Jetzt fehlte nur noch ein echter Männerberuf, wie Kfz-Mechaniker, und die Transformation wäre perfekt. Die Leichtathletik war nur noch eine vage Erinnerung, und außer seiner Mutter, die ihn bis zu ihrer letzten Lebensminute Andreas-Maximilian nannte, nannte ihn niemand mehr so.
Seine guten Zeugnisse oder vielmehr seine guten Beziehungen durch den Fußballverein machten den Weg frei zu seinem Traumberuf. Die beste Kfz-Werkstatt der Stadt nahm ihn in die Ausbildung.
Alles lief nun wie am Schnürchen. Mit Tanja trat die erste große Liebe in Kurts Leben. Jetzt war es mit der Männlichkeit allerdings genug. Kurt hatte sich an das Kurtsein gewöhnt und erste dunkle Wolken zogen auf. Er stellte fest, dass an Autos Schrauben dreckige Finger machte. Die in der Branche angesagte erniedrigende Behandlung der Lehrlinge durch den Werkstattmeister - Auszubildende gab es noch nicht - störten ihn zunehmend. Als das Ende der Ausbildung nahte, wurde ihm eines klar: er fühlte sich zu Höherem berufen. Anders ausgedrückt: Er wollte nicht den Rest seines Lebens unter öltriefenden Nobelkarossen verbringen, die er sich nie würde leisten können. Tanja bestärkte ihn in seinen Ambitionen, und so verkündete er zum Ende der Lehrzeit seinen Eltern den Plan, das Abitur nachzuholen.
Während die Mutter von Andreas-Maximilian entzückt war, hielt der Vater von Kurt überhaupt nichts von der Idee. Sprüche wie "Handwerk hat goldenen Boden" und aufmunternde Ratschläge wie "Du wirst das sowieso nicht packen" spornten ihn erst richtig an. Zum Schluss durfte der Generationenspruch "Solange du deine Füße unter meinen Tisch setzt, kommen so Flausen nicht in Frage!" nicht fehlen. Er zog aus.
In der WG, in die er zog, reparierte er fortan statt Nobelkarossen 2CVs und R4s. So hielt er sich auch ohne Vaters Geld über Wasser. Er kam sich ja schon ein bisschen komisch vor unter diesem intellektuellen Volk. Seine Autozeitschriften musste er versteckt halten, wenn er sich mit der Jutefraktion nicht in endlose Diskussionen über Umweltverschmutzung und kapitalistische Ausbeuterkutschen einlassen wollte.
Hans-Henning und Ansgar waren fasziniert von dem Kontakt mit einem wahrhaftigen, realen Proleten. Andächtig lauschte man seinen Erzählungen von Überlebenskämpfen im Sumpf der Gesellschaft. Er musste die Vergangenheit immer etwas blutiger und trister ausschmücken, als es die Wirklichkeit hergegeben hätte. Aber egal. So konnte er den Diskussionsrunden auch etwas beisteuern, ohne im Zentrum politischer Debatten zu stehen. Die WG war stolz darauf, als einzige WG einen richtigen Proletensohn in ihren Reihen zu haben. Es gab zwar nur zwei WGs im Ort, aber trotzdem.
Tanja war mittlerweile auch Vergangenheit, und es folgten in reger Abfolge Bettina, Marie-Cecilie, Claudia und Gertrud. Auch das weibliche gebildete Geschlecht hatte Gefallen an so einem. Es sollte Kurt recht sein. Andreas-Maximilian verschwand für immer in der Versenkung. Er verlor den Kontakt zum Viertel und zu seinen Eltern. Seine Mutter erlebte sein Abitur nicht mehr. Wäre die stolz gewesen!
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Nun stellte sich die Frage "Was studieren?" Irgendwie hörte er tief in sich noch seinen Vater über taxifahrende arbeitslose Lehrer dozieren. Also, Lehramt oder Diplompädagogik? Kurt entschied sich für Diplompädagogik. Auch dieser weise Ratschlag seines Vaters, kein Lehrer zu werden, sollte sich später als ungünstige Stammtischparole entlarven.
Kurt studierte Diplompädagogik. Das Leben als WG-Artefakt hatte er satt, und so zog er in eine kleine Studentenbude in Bielefeld, die er sich mit BAFöG und dem Schrauben an Käfers und Golfs finanzierte. Er war wohl der einzige Kfz-schraubende Diplompädagogikstudent in Bielefeld. Bei den Dozenten erntete Kurt allenthalben anerkennendes Schulterklopfen.
Die Schwielen an seinen Händen bildeten sich zurück. Nach sechs Semestern Studium sahen seine Hände aus, als haben sie nie schwere Arbeit getan. Es interessierte niemanden mehr, was oder wer er vorher gewesen war. Seine Erinnerungen an kalte Wintertage unter heißen Autos verblassten. So ist das mit Erinnerungen. Dieser Kfz-Lehrling in seinem Kopf, war das tatsächlich er selbst gewesen?
Statt mit Schrauben sein Studium zu finanzieren, nahm er einen Hiwi-Job in der Uni an. Er musste sich ganz schön strecken für sein Studium. Es schien ihm, als habe er nie etwas anderes gemacht oder sei etwas anderes gewesen.
War er jetzt ein Intellektueller?
War er schlauer geworden?
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Die Enttäuschung nach dem bestandenen Studium war groß. Nichts war zu spüren von dem Geist der einstigen Transformation zu Kurt. Diese Erlösung, die damals einem epochalen Gefühl gleichkam. Keine Spur davon. Er fühlte sich nicht schlauer. Vielleicht war er auch gar nicht schlauer geworden! Diese Transformation hatte einfach zu lange gedauert, um eine emotionale Explosion auslösen zu können.
Oder war es nicht das, für das er es hielt?
Er hatte das erlebt, wovon ganz viele Jungs nur zu träumen wagten. Zwar hat nicht jeder das Begehren, von der "Harte-Männer-Branche" in die "Du-das-müssen-wir-aber-noch-mal-ausdiskutieren-Branche" zu wechseln, aber so ein Schichtwechsel hatte schon was.
Nur was?
Mehr Kohle war es definitiv nicht. Seine alten Kumpels hatten alle schon ihr erstes Haus gebaut, schwarz, versteht sich. Man ist eben Handwerker. Kurt saß auf einem riesigen Haufen Schulden bei Vater - Vater Staat versteht sich - in einer 40-Quadratmeter-Bude, in einem mit Räucherstäbchen aufgelockerten Sperrmüllinterieur und hatte nicht mal angefangen, Kohle zu machen.
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Die Jungs aus dem Viertel verstanden ihn nicht mehr. Mit den neuen Freunden - Bekannten - konnte er nicht mal seine, ohnehin nur vier Wände neu tapezieren. Bei dem Versuch, ihm beim "Schrauben" zu helfen, hatte sich sein Kumpel Heiner, der stolze Besitzer einer total verrotteten "Ente", mit einem "13er Maul" den Zeigefinger gebrochen. Kurt lag gerade unter der "Ente" und hatte das Geschehen nicht verfolgt. Wahrscheinlich dachte Heiner, er sei beim Sushi-Essen. Wie sollte man sich sonst mit einem "13er Maul" den Zeigefinger brechen?
Seit diesem Vorfall übernahm Kurt alle handwerklichen Tätigkeiten in Generalunion. Wer wusste, was Heiner mit einem Quast oder, schlimmer noch, mit einem Tapetenmesser anstellen konnte. Kurts Phantasie reichte dafür nicht aus. Ein "13er Maul"!
War er jetzt glücklicher?
Wenn schon nicht spürbar schlauer,
dann wenigstens glücklicher, oder?
Da saß er bei der Diplomfeier und hörte »In-A-Gadda-Da-Vida«. Die Haare waren nicht mehr lang genug, um sie im Rhythmus fliegen zu lassen und der Bart war zu kurz.
27 Jahre und kein bisschen weise. Auf ging’s.
Er hatte noch keine Ahnung, dass Rolli-Kurt in ihm schlummerte. Es gab immer wieder Auffälligkeiten, vor allem in Stresssituationen. Aber er war viel zu sehr mit dem neuen Lebensabschnitt beschäftigt, so nahm er die Zeichen nicht wahr.
Gut so.
Da sitzt er nun im Rolli.
Kurt.
Zur Anprobe.
„Wie ist das Kissen?“
„Ok.“
„Und die Sitzbreite?“
„Ok.“
„Noch Fragen?“
„Nö.“
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Nächste Folge: Wie ein Sommergewitter, heftig und kurz
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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.
Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.
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