MS 2003: Ein Überblick
Fortschritte in Forschung und Praxis: Eine Zusammenfassung
Auch das Jahr 2003 hat wieder viele kleinere und größere Fortschritte hinsichtlich der Erkenntnisse zur Entstehung, Ausprägung und Behandlung der Multiplen Sklerose gebracht.
Auch bei der Versorgung und der Fürsorge für Menschen mit MS hat sich einiges verändert.
Wissenschaftliche und technische Entwicklungen lassen Hoffnungen auf zukünftige Verbesserungen als berechtigt erscheinen aber Geduld muss geübt werden, denn bis zu einem echten Durchbruch in der MS-Therapie ist scheint es noch ein langer Weg zu sein...
Ein zu reformierendes Gesundheitssystem fordern die Aufmerksamkeit ebenso wie die kleinen, aber feinen technischen Dinge, die den Alltag für die Hilfebedürftigen erleichtern sollen.
Die Erforschung der MS und das Finden einer möglichen Heilung ist ein Mosaik aus vielen, vielen Bausteinen die, die 2003 dazugekommen sind, werden im Folgenden zusammen mit Nachrichten aus dem gesundheitspolitischen und technischen Umfeld dargestellt.
Gefunden...
...wurden weder die Ursache noch eine Heilung für die MS. Aber es gibt Lichtblicke:
Einen deutlichen Schritt sind Magdeburger Wissenschaftler der Uni-Klinik für Neurologie II vorangekommen. In der August-Ausgabe der renommierten
neurologischen Fachzeitschrift BRAIN stellen sie Ergebnisse vor, die die bisherigen Erkenntnisse der Krankheitsentstehung im Hinblick auf die
Beteiligung der unterschiedlichen Bereiche des Gehirns bei Multipler
Sklerose wesentlich voranbringen.
Dass die MS immer aktiv ist, weiß man schon länger. Dies bestätigen auch neuere Forschungen. Professor Rieckmann von der Universität Würzburg dazu: Die
Hirnschädigungen bei MS finden zum Großteil außerhalb der klinischen Wahrnehmung statt. Die Ausfälle können bis zu einem gewissen Grad vom Gehirn
kompensiert werden, aber die Häufigkeit auftretenden Herde kann bis zu zehnmal größer sein als das, was als Schub zum Vorschein kommt.
Ebenfalls Professor Rieckmann hat zusammen mit Professor Ruprecht eine weitere wichtige Erkenntnis veröffentlicht, die die Hypothese unterstützt, dass Viren an der Entstehung der MS beteiligt
sein könnten: Eine bestimmte Familie endogener Retroviren - von der Wissenschaft mit dem Kürzel HERV-W benannt - wird offenbar im Zentralen Nervensystem
aktiv. So wurde unlängst ein einschlägiges Virusprotein im Gehirn nachgewiesen, und zwar unter anderem auch in den bei der Multiplen Sklerose (MS)
auftretenden akuten Entzündungsherden in Endothelzellen. Diese Zellen kleiden die Blutgefäße von innen wie eine Tapete aus und bilden damit eine
Barriere, die Blut-Hirn-Schranke, deren Zerstörung für die MS charakteristisch ist.
Erforscht...
Dass Schwangerschaft vor MS-Schüben
schützt, konnte erneut belegt werden.
Dass in Deutschland jedes Jahr rund 50 Kinder und Jugendliche an MS erkranken, ist neu.
Und dass die MS meistens im Alter zwischen 30 und 40 Jahren auftritt, ist auch nicht ganz neu, wird aber durch neue Untersuchungsergebnisse des
großen MS-Registers der DMSG belegt.
Wir wissen, dass MS keine Erbkrankheit ist, dass es aber eine erbliche Veranlagung gibt. Die Ergebnisse einer kanadischen
Zwillingsstudie belegen dies.
Getestet...
... wurden unzählige neue Substanzen und Methoden zur Behandlung der MS. Einige der Kandidaten, die möglicherweise in Zukunft potente MS-Therapeutika darstellen werden, sind Antegren (Natalizumab), ein monoklonaler Antikörper, dessen Marktreife für das Jahr 2006 erwartet wird. Zurzeit läuft eine große Phase III-Studie, die die Firmen Elan und Biogen zur Zulassung des Präparates verwenden wollen.
Für Furore haben die Studienergebnisse von Rhonda Voskuhl in diesem Jahr gesorgt, die - selbstredend mit weiblichen Patienten - fand, dass die Gabe von Östriol, einem weiblichen Geschlechtshormon, die klinische Krankheitsaktivität der MS signifikant beeinflusst. Weitere Forschungen bleiben abzuwarten.
Ein kleines genetisch verändertes Eiweißmolekül mit dem unaussprechlichen Namen MBP8298 machte ebenfalls auf sich aufmerksam. Vor wenigen Wochen ist in die dritte Phase der klinischen Testung eingetreten, und es wird sich dort beweisen müssen, ob dieses myelinbasische Protein das Zeug zum MS-Therapeutikum hat.
Die größte Diskussion gab und gibt es sicherlich um den Hoffnungsträger Stammzellentherapie. Auf die gesundheitspolitische bzw. ethische Debatte zu diesem Thema soll hier nicht weiter eingegangen werden. Interessant sind mehrere Veröffentlichungen in diesem Jahr 2003:
Dem italienischen Forscherteam um Dr. Pluchino ist es erstmalig gelungen, im Tierversuch Myelinschäden mit Hilfe von so genannten ausgereiften Stammzellen zu reparieren. Bis sich diese Methode beim Menschen als tauglich erweist, muss aber noch viel Forschungsarbeit geleistet werden.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgen die Forscher um Professor Tyndall, die mit so genannten autologen Stammzellen gute Erfolge bei Patienten mit fortgeschrittener MS erzielten.
Gemessen...
Forscher der New York University School of Medicine haben ein Verfahren zur Messung der Schwere der Erkrankung bei
Multipler Sklerose entwickelt. Damit kann besser als bisher die Entwicklung der Erkrankung und damit auch die Wirksamkeit von
MS-Medikamenten untersucht werden.
Gemessen wurde auch eine Substanz im Nervenwasser, die die Nervenzellen von Patienten mit Multipler Sklerose schädigt. Forscher an der Berliner Charite
haben einen Zusammenhang zwischen Markscheidenzerstörung und Nervenzelluntergang gefunden und legen
damit vielleicht den Grundstein für die Erforschung einer Substanz, die dort ansetzt.
Geraucht...
... haben die Teilnehmer einer großen Studie, die kürzlich in Norwegen abgeschlossen wurde. Es konnte gezeigt werden, dass Rauchen das Risiko, an MS zu erkranken, fast
verdoppelt.
Nicht geraucht, sondern geschluckt haben die Teilnehmer einer kanadischen Studie den aktiven Wirkstoff von Cannabis. Es sollte untersucht werden, ob
sich Tetrahydrocannabinol positiv
auf die Krankheitssymptome Spastik und Schmerz auswirkt. Das Ergebnis ist nein und ja - je nachdem, ob streng wissenschaftliche oder
subjektive individuelle Maßstäbe angelegt wurden.
Reformiert...
...wird derzeit das deutsche Gesundheitssystem. Die Reform ist in vollem Gange, und die meisten sind zunächst verunsichert. Dagegen hilft Information, und wem die Presse zu voll davon ist, der kann sich hier einen hervorragenden Überblick*** verschaffen. Neu geregelt... ... wurde in diesem Jahr die Gleichstellung behinderter Mitbürger. Darin kommt beispielsweise die größere Mitsprache von Behindertenvertretungen zum Tragen. Auch wird mehr Sorge dafür getragen, dass behinderte Menschen weiterhin aktiv am Arbeitsleben teilhaben können. Dafür sorgt nicht zuletzt der Bundesbehindertenbeauftragte Kurt Haack.
Die Umsetzung obliegt zum großen Teil auch den Bundesländern. Vor wenigen Tagen hat das Land Nordrhein-Westfalen dazu einen entsprechenden Beschluss gefasst***. Darüber zu informieren, Wie es ansonsten um Gleichstellung und Teilhabe in Deutschland bestellt ist, und aktiv für die Rechte Behinderter einzusetzen, das hat sich die Aktion Grundgesetz zum Ziel gesteckt.
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*** Na ja, wir Erdlinge schreiben jetzt Oktober 2006 und diese beiden Links sind inzwischen veraltet. Nun steht ja aber auch schon die nächste Reform an, zu der Sie sich in den aktuellen Nachrichten informieren können.
/25.10.2006
Gearbeitet...
Dass MS nicht unbedingt ein Grund ist, sich frühzeitig berenten zu lassen, sondern weiterhin aktiv am Arbeitsleben teilzunehmen, ist Tatsache. Im Jahre 2003 sind vier von zehn MS-Erkrankten voll berufstätig. Damit rangiert die MS zwar im vorderen Feld, was die Gründe für Berufsunfähigkeit oder eingeschränkte Berufsfähigkeit angeht, es zeigt sich aber vor dem Hintergrund der teilweise starken körperlichen Beeinträchtigung, dass MSler genauso hart im Nehmen sein können wie alle anderen auch.
Gebaut...
... haben Techniker kleine Helferlein, die den (Berufs-)Alltag von körperlich Behinderten erleichtern sollen. Ein dienstbarer Roboter - Care-o-bot® II - wurde vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung vorgestellt. Er bringt das Bier ans Sofa, und vielleicht
kann er ja sogar lernen, einem MS-Erkrankten das Beta-Interferon zu spritzen...;-)
Aber auch viele andere Entwicklungen zur Betätigung von Maschinen wurden dieses Jahr präsentiert: Eine Tastatursteuerung mittels Gedanken, und der Rolli soll auch bald über Gedanken
steuerbar sein.
Gereist...
... und zwar im Rollstuhl, und zwar ganz aus eigener Kraft, und das um die ganze Welt, ist Andreas Pröve. In diesem Jahr veröffentlichte er sein Buch Mein Traum von Indien — Mit dem Rollstuhl von Kalkutta bis zur Quelle des Ganges beschreibt er eine seiner abenteuerlichen Reisen auf zwei Rolli-Rädern. Ein Buch, das Mut macht.
Mehr über Andreas Pröve und sein Buch ist hier >>>
In die Zukunft geschaut...
... haben Hunderte MS-Betroffene aus der ganzen Welt. Die Multiple Sklerose-Gesellschaft in den USA hatte 2003 eine Umfrage unter MSlern veranstaltet und nach den Zukunftsperspektiven, -ansichten und -befürchtungen gefragt. Das Ergebnis, vorgestellt von keinem Geringeren als Alexander Burnfield, ist hoch interessant und zeigt, dass es große Hoffnungen, aber auch große Befürchtungen gibt.
Mehr über das Umfrageergebnis >>>
Mut gemacht...
... und gezeigt, dass die Hoffnung immer zuletzt stirbt [ja, der Pathos ist angebracht], haben sich die Menschen auf der MS-Gateway. Sich gegenseitig mit Rat (und Tat) zur Seite zu stehen, zu zeigen, dass es weitergeht - und zwar gut - sich nicht unterkriegen zu lassen, auch nicht von der MS... und damit ein Zeichen zu setzen, dass ein glückliches Leben UNTER ALLEN UMSTÄNDEN möglich ist, das zeigen die Beiträge in den Foren und die Beiträge, die manch ein Besucher der Gateway geleistet haben.
Wir bedanken uns ganz herzlich bei allen BesucherInnen der Gateway, insbesondere bei denen, die die Mühe nicht gescheut haben und sich lange Gedanken gemacht haben, die wir hier auf der Site veröffentlichen durften, und besonders bei denen, die den guten Geist - oder sagt man Neudeutsch good spirit? - am Leben halten.
Wir freuen uns auf das Neue Jahr - mal sehen, was es an Überraschungen parat hat.
Mit den besten Wünschen für den Jahreswechsel, und möge das Neue Jahr mehr Gutes als Schlechtes bringen, verabschieden wir uns bis 2004.
Das MS-Gateway-Redaktionsteam




