MS Gateway – Der Multiple Sklerose Info-Dienst

Bunter Bauch - von Schüben und Phasen -

von Marion Berger

-- Leseprobe --

14.05.08

Das ganze Leben spielt sich in Schüben ab. Oder Phasen…

Bei mir z.B. gibt es die Abteilung „Essens-Phase“. Stehe dann mal auf Camembert, Gürkchen, Meerrettich, Quark mit Nutella oder Schokolade.

Dann gibt’ s da noch die Phase, sozusagen 2 Phasen, die sich stets abwechseln: Figur. Mal ist es ok, mal möchte ich den Spiegel diskret wenden und einfach nicht weiter nachdenken. Der Körper zerfällt tatsächlich mit der Zeit. Wer hätte das noch vor 5 Jahren gedacht? Ich nicht. Aber ab 40 scheint da so’ n Schub zu kommen, der einem glasklar sagt: „Tja, vorbei mein Kind! Die Jüngeren sind nun am Zuge.“ Blöder Schub, blöde Phase.

Es gibt auch Heiterkeits- und Traurigkeits-Phasen/Schübe…wie auch immer. Sie halten sich mehr oder weniger im Gleichgewicht. Sie sollten es zumindest tun. Ist es so? Nein, doch eher Traurigkeits-Schub, Steuerbord voraus. Da hinten ist wieder was.
Beziehungs-Phasen-Schübe sind auch abwechslungsreich. Mal ist man ganz oben, mal ist man ganz unten. Ich unten, er oben. Nein, nur von den Emotionen her gesehen. Nicht, was sie denken. (Ich neige zur 2-Deutigkeit, Verzeihung!)

Wetter-Schübe gibt es auch. Geldschübe – hört sich gut an. Ehrgeiz-Phasen – auch nicht schlecht.

Aber es gibt auch Krankheits-Schübe. Und so einen halte ich hiermit mal fest.

Um meine Hüften und Bauch ist es bunt. Schöne, bunte Pünktchen in verschiedenen Formen. Ausgebreitete rote, blaue, grüne, gelbliche und ein bisschen lila ist auch dabei. Unmöglich, dies in die Öffentlichkeit zu stellen. Also: Bikini ist nicht!

Ich spritze. Seit März. Suche hierfür stets eine andere Stelle Speck. „Es kann zu Nebenwirkungen kommen!“ Sehe ich, spüre ich. Wie Grippe, rasender Kopf. Traurigkeit, mir ist zum heulen zumute. Hinzu kommt die Beziehungs-Phase – Mann weg. Keine Schulter zum anlehnen. Kein Trost. Keine Tränen. Nur still abends alleine im Bett. Werde ich jemals wieder jemanden finden? Jemand, der sich mit so einem bunten Bauch zufrieden gibt?

Die Blase hält auch nicht mehr das, was sie nach Entwöhnung des Windeltragens vor 37 Jahren versprochen hat. Pipi-Schübe. Kaum zu bändigen. So wie heute. Weniger trinken? Auch nicht so doll. Vorlagen für die ältere Generation benutzen? Ich bin nicht alt. Könnte mich aber aus der einen oder anderen peinlichen Situation heraus manövrieren. Ganz diskret, ganz ohne Geruch, ganz sauber.
Cortison-Infusionen, dann übergehend in Tabletten-Form. Interferon-Spritzen. MRT, VEP…regelmäßige Tests. „Hüpfen sie doch mal auf einem Bein! Zeigefinger auf die Nase, aber Augen zu!“ Alles kein Problem. Die Medikamente schon. Sie nerven. Verstopfen mich. Ich walze wie eine aufgedunsene Wasserleiche durch die Straßen. Erst mal wieder Sport-Verbot. Joggen und andere Anstrengungen sind vorerst tabu. Bis zur letzten Tablette. Aber dann…dann geht’ s wieder los. Jawohl!

Stress. Aber eigentlich doch nicht. Oder doch? Ausbildungs-Stress. Mehr jedoch dieser Beziehungs-Phasen-Stress. Der zieht sich seit Jahren durch mein Leben. Und hört sogar nach der Trennung nicht auf. Er zieht und zieht. Ein langer, roter Garn-Faden auf einer riesig großen Garn-Rolle. Muss ja mindestens 1000 km lang sein. Man stelle sich das mal vor: eine überdimensionale Garn-Rolle, meterhoch, die ich hinter mir herschleife. Und sie will einfach nicht kleiner werden.

Ach, ja… der Schub. Da rede ich und rede ich. Und kein Mensch weiß, worüber ich da fasele.
„Encephalomyelitis disseminata“
…Ence… was? Für den einen oder anderen vielleicht besser bekannt als Multiple Sklerose. Nein, es ist keine Knochen-Muskel-Schwund-Erkrankung, wie viele fälschlicherweise denken. Mein Körper greift sich selber an. Eine Autoimmun-Erkrankung. Entzündungs-Herde entstehen in Hirn oder Rückenmarkskanal. Diese bewirken, bei mir, Taubheitsgefühl oder Kribbeln in den Extremitäten oder Rumpf. Motorische Ausfälle hatte ich zum Glück bis jetzt noch nie. Nur Schwindel-Attacken, Gang-Unsicherheit auf unebenen Wegen. Komisches Gefühl. Wie besoffen, ich schieße nach vorne, kein Halt. Da schläft was ein, da gehört was nicht zu mir. Fremdkörper. Aber warum schläft da jetzt was?
Vor ca. 10 Jahren wurde die Diagnose zufällig, wie so oft, gestellt. Aufgrund einer ganz anderen, wesentlich harmloseren Sache, wurde ich damals in die so genannte Röhre gesteckt. Oder auch MRT oder auch Magnetresonanztomographie.

Was war das? Lauter helle Flecken auf dem Hirn verstreut. Keine bunten wie auf meinem Bauch und Hüften. Nein. Sie waren und sind fast weiß, gräulich.

Doppel-Bilder. Sie blieben, da unerkannt, nicht behandelt. Weitere Untersuchungen folgten. Lumbal-Punktion, zig Tests wie „Schachbrett-gucken“, Stromstöße durch Extremitäten fließen lassen. „Hüpfen Sie mal! Gehen Sie bitte mal auf und ab. Arme ausstrecken und Augen zu!“ All so nette Spielchen. Dann das schockierende Ergebnis: „Sie haben MS!“

Peng! Donnerschlag! Boden weg! Sprachlosigkeit! Rollstuhl! Gehunfähig! Allein! Mann weg! Behindert! Unfähig! Vorbei! Aus! Alles auf einmal! Wie in Trance schwallen diese Worte und Gedanken auf mich zu. Wie eine Monster-Welle schlagen sie über mich hinweg und begraben meine Seele. Stille! Nichts mehr. Resignation. Bücher ohne Ende einverleibt. Foren im Internet ausgequetscht. Selbsthilfe-Gruppe besucht. Aber dort hingen nur die schweren Fälle rum. Rollis. Nein danke! Nie wieder! Ich ließ es schnell bleiben.

Die Entzündungs-Schübe hielten sich anfangs in Grenzen. Ich lebte gut mit der Diagnose. So dachte ich. Jahrelang dachte ich so. Ich versteckte mich, schob es von mir. Weit, weit weg. Ich habe ja nichts. Mir geht es ja gut. Ab und zu Missempfindungen. Aber was ist das schon?

Ab ins Krankenhaus, 5 Tage Cortison-Stoß-Therapie. Mit allem, was dazu gehört. Mond-Gesicht, Wasserleichen-Körper, Verstopfung, Pusteln, Traurigkeit und Langeweile. Und wieder Heim. So lief es jahrelang in großen Abständen ab. Bis sich die netten Herde im Kopf mehr und mehr bemerkbar machten. Sie kamen immer öfter. Zu oft. Spritzen wurden mir empfohlen. Knapp 2 Jahre probierte ich es aus, musste aber aufgrund heftigster Nebenwirkungen aufhören. Lag tags drauf platt im Bett, war zu nichts mehr zu gebrauchen. Nie wieder, das schwor ich mir. Zudem kam es zur Spritzen-Phobie. Man stelle sich vor, wie ich eine gefühlsmäßig megalange Nadel in mein Bein ramme. Es war die Hölle. Irgendwann ließ ich eine MS-Schwester kommen. Doch auch das half nichts. Ich setzte die Monster-Teile ab und hoffte, dass ich von allem verschont bleibe. Falsch gedacht.

Lange Zeit Ruhe. Die Ruhe vor dem Sturm. Beziehungs-Phasen-Mega-Stress. Damit ging es los. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich mehr oder weniger mit Cortison voll gepumpt, voll gestopft. Zig Schübe pro Jahr. Nicht gut.

Mittlerweile habe ich zum Glück einen Neurologen gefunden, der mir die Infusionen ambulant verabreicht. Das Krankenhaus machte mich kirre. Im Grunde „gesund“, aber an der Station gefesselt und geknebelt, nicht raus. Dazu all die schweren, neurologischen Patienten-Fälle. Das gab mir stets den Rest und ließ mich in ein tiefes Loch fallen. Als würden die Medikamente nicht schon genug Unheil anrichten. Gott verdammt!


Ein MRT-Erlebnis, pur, live dabei…

Ich liege auf einer gefühlten 30 cm breiten Pritsche. Bekomme einen Venen-Zugang für das Kontrast-Mittel gelegt. „Kopf-Geschirr“ drüber geschnallt, Kopfhörer mit Musik von Elton John. Elton wird mich nun ca. 30 Minuten auf meiner Fahrt durch die Galaxis begleiten. Er wird über mich wachen, mir beistehen. Noch die Not-Schelle in die Hand und ab geht’ s. Ich schließe die Augen, bevor meine Phantasie mit mir durchbrennt. Lag nun schon so oft in diesem Ungetüm, aber weiß nicht, wie es von innen aussieht. Besser ist das.

Bin nun bis zum Oberkörper gefangen. Eng. Keil-Kissen unter den Knie-Kehlen. Es soll ja bequem sein. Möglichst nette Atmosphäre schaffen in diesem gleich hermetisch abgeriegelten Raum.
Ich bin drin. Elton säuselt in meinen Ohren. Möchte mitwippen, mitsingen. Aber muss nun still und starr verharren. Kein Mucks, kein Schlucken, kein Husten oder Niesen. Was mache ich bloß, wenn’ s mich im Gesicht juckt? Was, wenn ich tierisch pinkeln muss? So, wie heute!
Die Maschine beginnt zu arbeiten. Maschinen-Gewehre ballern an mir vorbei. Ich zucke, erschrecke mich. Die Augenlider zittern. Elton, wo bist du? Höre dich nur noch aus der Ferne. Bleibe bloß bei mir. Halte mir die Hand! Stille! Nun hämmert es. TACK-TACK-TACK… Stille! Aha, das Maschinen-Gewehr ist wieder an der Reihe.

Zur Hälfte geschafft. Das Kontrast-Mittel wird nun in die Venen gejagt. Es läuft eiskalt und blitzschnell durch meinen Kopf. Ich spüre es förmlich, wie es sich ausbreitet. Ich schmecke es auch: typischer Krankenhaus-Desinfektions-Geruch-Geschmack. Ich atme kurzzeitig tief ein. Das Gefühl des Flusses ist merkwürdig, ein bisschen angst einflößend. Wie der kalte Tod, der seine Hand nach mir ausstreckt. Sekundenbruchteile Panik Was mache ich, wenn ich das Zeug nicht vertrage? Drücke ich die Not-Schelle? Wie oft? Hebe ich die Hand und rufe „Stopp!“?

Heute dachte ich für Sekunden an „Germany’ s next Topmodel“. Oh, Gott, herrje, wie komme ich nur darauf?

Welche Röcke hängen eigentlich in meinem Schrank? Welche Farben und Formen haben sie? Ich konnte mich nur an drei erinnern. Es ist fast Sommer und ich freue mich plötzlich auf meine Röcke. Zu Hause schaue ich erst mal in den Schrank.

TACK-TACK-TACK…RATTER-RATTER-RATTER…
Ein Hubschrauber fliegt über mich hinweg und schießt seine Munition ab.

Was mache ich eigentlich, wenn es plötzlich zu einem Erdbeben kommt? Krieg? Aliens den Raum stürmen und das Personal töten? Wenn die Leute auf der anderen Seite der Glasscheibe Feierabend machen und mich vergessen? Werde ich bis morgen in Schichten ausklamüsert auf der ach so schmalen Pritsche liegen? Dünne Scheibchen meines Kopfes? Käme ich alleine aus diesem Monstrum heraus, wenn eines der oben genannten Vorfälle passieren würde? Ich müsste zum ersten Mal die Augen öffnen. Ein Alptraum. Wie von all den Schläuchen, Kopf-Geschirr, Pflastern und Notschellen befreien? Rausreißen?

Die Tür geht auf. Geschafft.

Kein Erdbeben, kein Krieg, keine Aliens.

Langsam gleite ich aus dem Raumschiff heraus. Werde von allem Zubehör befreit und kann aufstehen. Danke! Immer gerne! Bis zum nächsten Mal. Wenn ich Glück habe, sehen wir uns erst in 1 Jahr wieder. Ansonsten vielleicht schon eher.

Nun kommen die nächsten Gedanken: gibt es Veränderungen? Ein paar neue Herde dazu? Alte Herde verkleinert? Weitere Tests? Andere Medikamente? Ich warte draußen im Wartezimmer und bange ein wenig. Ich sitze in einem kleinen quadratischen Raum. Ein Bild von „Marquisse“ rechts von mir an der Wand. Ein Aufklärungs-Poster über MRT gegenüber. In der Mitte ein Tisch mit uralten, vergriffenen Werbe-Zeitschriften. Ich reiße mir eine Seite heraus, die Frisur der Frau gefällt mir. Vielleicht lasse ich meine Haare so schneiden, je nachdem, wie das Ergebnis ausfällt.

Das Ergebnis ist nicht so prickelnd. Das Frisuren-Foto hängt an meiner Pin-Wand.

Neue Herde. Viele kleine, eine Ansammlung heller Pünktchen – nicht bunt - in der Nähe des Hirnstammes. Die HWS, Halswirbel-Säule, ist diesmal auch wieder befallen. Ein dicker Kloß hat sich dort eingenistet und breit gemacht.

Mitleidig, fast weinerlich überbringt mir der Bild-Auswerter-Arzt diese Nachricht. Ich kenne ihn noch nicht. Möchte ihn fast selber tröstend in den Arm nehmen. Sieht er vielleicht mehr, als ihm lieb ist? Verschweigt er mir etwas? Freitag bekomme ich mehr Gewissheit. Abwarten.

Heute, Mittwoch, stand wieder eine Spritze an. Langsam spüre ich den Kopf. Je nach körperlicher Verfassung kämpfen sich die Nebenwirkungen durch. Heute scheint es mir nicht so gut zu gehen, der Schädel platzt. Schnell eine Schmerz-Tablette reingeknallt und ab ins Bett. Stimmt, heute stand ein Beziehungs-Phasen-Gespräch an. Das wird’ s wohl gewesen sein.


15.05.08

Ich gönne mir noch 2 Tage Auszeit. Ruhe ist angesagt. Schlechtes Gewissen. Wusele vor mich hin, mache nichts Halbes und nichts Ganzes. Die Schule sitzt mir im Nacken.

„Komm runter, du breitest ja schon wieder ein Stress-Meer, so groß wie eine bunte Blumen-Wiese, vor dir aus!“ Bunt!

Die Spritze von gestern überlegte es sich wohl doch noch einmal und verschonte mich vor den lästigen unangenehmen Folgen. Man dankt.

Das Cortison putscht mich, Hummeln im Hintern. Rastlos. Lust, mein ganzes Leben und die Umgebung umzukrempeln, auszumisten.

Die Gedanken rasen mit irrer Geschwindigkeit durch meine mit hellen Flecken besetzten Hirn-Regionen. Kommen sie eigentlich vor den Herden zum Stillstand? Hält man sie dort auf? „Stopp – bis hierher und nicht weiter!“ ?

Ich laufe wie in Watte gehüllt. Mein Körper steht auf kleinster Sparflamme. Schongang. Träge. Wasserleiche. Aufgedunsen – immer noch.

Plötzlich vermehrtes Kribbeln in den Händen. Ob es am warmen Wetter liegt? Oder ein letztes Aufbäumen aufgrund der Medikamente, bevor die Entzündungen sich verabschieden? Noch mal alles geben, bevor die Wirkung eintritt? Noch mal zeigen: „Hier bin ich. Ich bin da. Immer. Werde dich bis zum Ende begleiten. In welcher Form auch immer.“

Die Watte verfängt sich im Schädel, zerzaust die wabernde graue Masse. Dringt tiefer hinein und wandert den Rückenmarkskanal hinab. Sie lullt mich ein, betäubt mich. Sie legt sich wie Spinnweben um jeden Nerv, um jede Zelle. Riegelt alles steril ab.

Hitze in den Händen, als würden sie brennen – knallrot.

Mein Bauch tut weh. Die Tabletten stürzen sich auf die Magenschleimhaut und wollen sie mit aller Macht zerstören. Was geht da in mir ab? Wo ist was los? Wer kommuniziert mit wem? Welches Spielchen wird da in mir gespielt? Was hecken die da in mir aus? Angriff-Strategie? Heilung? Wofür entscheiden sie sich? Was hängt von ihrer Laune ab? Wenn ich mich ganz still verhalte, lassen sie mich dann in Ruhe? Drücken nochmals ein Auge zu? Bis wann?

Sitze auf einem Pulver-Fass. Jeden Moment kann es explodieren. Ein bisschen zu fahrlässig und schwupp werde ich mit Power in die Luft gejagt.

Bin träge, müde, weiß nicht wohin mit mir. Heute Abend stehe ich sicher wieder unter Strom, kann nicht schlafen. Die Tabletten erfüllen ihre Aufgabe: tagsüber schön ruhig bleiben. Abends Halligalli. Leben pur – im Bett wälzen. Alles verdreht.

Die Bewegung fehlt mir, werde launisch, ungeduldig, ungenießbar. Aber ich soll mich schonen, wie immer. Bin geschwächt, das Immunsystem ist anfällig. Immer und immer wieder der gleiche Ablauf. Und immer wieder werde ich stinkig, sauer und gereizt. Aha, da ist er wieder: der Stress. Ich lade mir unentwegt eine neue Portion ins Hirn. Unbewusst, so wie ich gerade feststellen muss. Sollte endlich ruhiger und gelassener werden. Auch mal fünfe grade sein lassen. Auch mal denken: „Nö! Nehme es hin und fertig, kann eh nichts ändern, nichts beschleunigen.“

Urologisch werde ich auch regelmäßig untersucht: Rest-Harn-Bestimmung per Ultraschall. Wie schon gesagt, macht die Blase nicht immer mit, macht schlapp, phasenweise. Dr. R. klatscht Gel auf den Ultraschall-Stick und fuchtelt mir damit diskret knapp über dem Schambein herum. „Oh, da haben Sie aber einen großen Uterus.“ Aha, davon weiß ich ja gar nichts. Ist das beunruhigend? Vielleicht noch Nachwirkungen der Schwangerschaft vor 16 Jahren? Er lacht, nein, das wäre ja doch eine recht lange Rückbildungs-Zeit. Naja, hätte ja sein können… Wir grinsen uns an. Er gefällt mir. Ist nett und witzig. Gebe zu, dass ich mir jeden Tag im Krankenhaus sein Bild auf der Info-Tafel im Flur anschaue. Sogar zu Hause im Internet auf Suche nach ihm gehe. Was soll denn das? Ich fühle mich zu einem Urologen hingezogen?

Hilfe, wo ist mein Verstand geblieben? Leidet er vielleicht unter all den Medikamenten? Ich sollte mich mal schlau darüber machen. Trotzdem…ein sympathischer Mann, ich gebe es ja zu.


17.05.08 Samstag

In den letzten Tagen war ich extrem wuschig. Total von der Rolle. Abends spät ins Bett – obwohl noch hellwach und munter. Aber irgendwann muss man ja mal das Licht löschen. Morgens dann mit dem 1. Gesang der Vögel wieder stramm auf der Matte gestanden. Alles, was sich bis dahin nicht in Sicherheit gebracht hat, wurde von mir gnadenlos bearbeitet. Hätte an liebsten die ganze Bude auf den Kopf gestellt. Alles weg – alles neu. Tapeten-Wechsel. Möbel rücken, Kram entsorgen. Was ist los? Drogen? Entzug? Gegen Mittag dann der Einbruch. Müdigkeit und Lustlosigkeit fallen wie eine schwarze, dicke Decke über mich hinab. Nichts geht mehr. Unzufriedenheit, ratlos, umherirren. Nicht wissen, was ich tun soll. Leere. Ein Loch. Zielloses dahinwabern. Bis es gegen Abend wieder in das komplette Gegenteil umschlägt.

Die gestrige Arzt-Besprechung brachte keine neuen Informationen. „Weiter machen wie bisher. Sobald Sie einen Schub bemerken, kommen Sie sofort vorbei!“ Ok, wird gemacht.

Herrn Dr. Sch. kurz gesehen. Er ist Ober-Arzt der Neurologie und ungefähr in meinem Alter. Er grüßte mich freundlich mit einem „Hallo“. War es so ein „Hallo“ oder klang dort wirklich ein wenig mehr „Hallo“ in seiner Stimme? Ein „Hallo“ von Mann zu Frau. Oder ein „Arzt-Patienten-Hallo“? Bei meinen z.Zt. stark ausgeprägten Gefühls-Empfindungen wäre alles drin. Also: Vorsicht!

Meiner Zunge ist es im Moment nicht wirklich möglich, den richtigen Geschmack zu treffen. Als wäre sie vor kurzem zu heißen Temperaturen ausgesetzt worden. Heiße Suppe oder Tee. Wie betäubt. Es schmeckt alles nur halb so intensiv.

Heute Morgen quälte ich mich aus dem Bett. Nein, kein solidarisches Aufstehen mit der Vogel-Welt da draußen. Schlecht geschlafen. Diesmal kein Erbarmen der Spritze. Sie ließ mich frieren und spaltete die Schädel-Decke, wumm! Der Harn-Drang lässt mich auch stets in der Nähe der Toilette kreisen. Der ganze Körper spielt verrückt. Heute komme ich nicht aus’ m Quark. Laufe wie benebelt durch die Gegend, registriere nichts, bin unkonzentriert. Ließ vor der Autofahrt mein Hirn zu Hause liegen. Alles flog an mir vorbei, ohne aufgenommen zu werden. War ich überhaupt unterwegs? Irgendwo die graue Masse liegengelassen zwischen Kopfkissen und Bettdecke. Ups, hoffentlich habe ich sie beim Bettenabziehen nicht mit in die Waschmaschine gesteckt.

Trotz diesem „Kater“ ein Gefühl von Gedanken-Überfluss. Ein Fluss ohne Unterbrechung, er findet kein Ende. Geht in einem durch und lässt mich nicht in Ruhe. Die Gedanken quälen, nerven, ich kann nicht abschalten. Sie fegen im Kreis immer wieder an mir vorbei. Ein Formel-1-Rennen, mit 600 km/h, mindestens. Und keiner sagt „Stopp!“ Niemand kann diese elektrischen Nerven-Impulse beruhigen, in Schach halten. Ein immer währender Austausch, aber ohne Ziel. Eine sich ständig wiederholende Platte. Eine LP mit Sprung, ein dicker Kratzer. Die Nadel hüpft unentwegt darüber hinweg. „Stoße doch mal jemand daran, damit es weiter geht!“ Es wird langweilig, immer wieder von außen in die gleichen Fenster zu schauen. Die gleichen Gedanken, wie sie fett und träge auf ihrem Sofa sitzen. Nichts tun, blöd glotzen, wie Idioten. Mit der Zeit ein breites, fieses Grinsen in ihren Gesichtern. Entstellte Fratzen, die zynisch, sarkastisch und wohlwollend zu mir blicken und sich daran erfreuen, dass ich nichts tun kann. Ich ihnen hilflos ausgeliefert bin und warten muss, bis sie genug von ihrer Reise haben. Bis sie selbst vor Langeweile aufgeben.

Ich komme mir ein wenig verrückt vor. Bin ich es? Was werden da für merkwürdige Dinge in mir frei gesetzt? Sind das die kleinen bösen Männchen, die sich massig in die noch so kleinste Hirn-Windung pressen, die mir wörtlich den letzten Nerv rauben? Schnappe ich über? Nagt da jemand an der grauen, kaputten Masse, die in der Hirn-Schale liegt? Anfällig, zerstört, vernarbt! Entzündet, verklumpt, irreparabel! Für immer tot! Wer greift da an? Welcher feige Kerl? Los, zeige dich! Verlasse dein Versteck. Wie viel hast du schon gefressen, zerstört? Wo wirst du weiter machen? Wirst du irgendwann satt? Oder hast du dir fest vorgenommen, alles zu vertilgen, bis zum letzten Krümel? Sieht so deine Bestimmung aus? Ist dies deine Aufgabe, die dir an deiner Geburt zuteil wurde? Die du nun pflichtbewusst und ehrgeizig bis zum bitteren Ende durch führst? Völlige Zerstörung? Völlerei? Oder lässt du mir noch ein kleines Stückchen?

Bunter Bauch. Von Schüben und Phasen
BOD, 01.12.2008, ISBN 978-3-8370-7684-4, Paperback, 84 Seiten, € 8,90 (inkl. MwSt.)


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