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Angehörige sind Mitbetroffene

Es wird Weihnacht

Ich habe einen Freund. Mein Freund hat eine Frau und er hat Multiple Sklerose. Das gibt es!
In den letzten Wochen und Monaten konnte ich zunehmende Spannungen zwischen meinem Freund und seiner Frau bemerken.

Da häufte sich etwas an! Eine Lawine, unter der man begraben werden konnte, wartete nur noch auf den richtigen Moment.

Der Moment sollte kommen, anders, als erwartet: Vieles steuerte auf eine "Beerdigung" der Ehe zu, begraben unter der Lawine
angehäuften Alltags, ungeklärter Verletzungen, kleiner und großer.



Die Frau meines Freundes versuchte immer, alle Hürden des Alltags so zu platzieren, dass er nicht über sie stolpern musste.
Sie wirbelte vor, um und nach ihm durch das Haus. Manchmal fragte ich mich, wie sie das schaffte.

Sie schaffte es nicht wirklich.

Immer mehr Steine, kleine und große, häuften sich zu einem Schuttberg an. Einer dieser Steine hieß: "Ich bin doch auch noch
da!". Ein anderer: "Ein wenig mehr Rücksicht könnte er schon nehmen!" Es gab viele Steinchen und Steine, es gab einige
Ehejahre.



Beide liebten sich, beide wollten dem Partner nur "Gutes", soviel war sicher!
Es war nicht sicher, ob das "Gute" war und wie das "Gute" eigentlich aussah, schmeckte, sich anfasste, anfühlte oder anhörte!

Die beiden hatten schon bessere Zeiten gemeinsam gelebt!

Vielleicht war es die Musik; die vom Nachbarn herüber schallte, vielleicht der kleine Schmetterling, der sich in der wohligen
Wärme des gut geheizten Wohnraumes gerade entpuppte, vielleicht war es meine Anwesenheit? -- Nicht wichtig!



Wichtig war an diesem Tag, dass es am dritten Advent schon Weihnacht für mich wurde.

Es begab sich, dass mein Freund aus dem Bad kam, kein Teppich störte seinen schlurfenden, schweren Gang. Da er sich kaum auf
den Beinen halten konnte, hatte er sich angewöhnt, den Türpfosten als Stütze zu nutzen. Er lehnte sich an, beugte sich -- wie
immer -- vornüber und begann sein Haar zu kämmen. Vor der Spüle war er dabei schon einige Male umgefallen.

So kam es, dass viele seiner Haare auf die blanke Dielung fielen.

Kleine Steinchen, immer wieder die selben Steinchen, immer wieder!
Die Haare kringelten sich auf dem Boden und in früheren, ruhigeren Zeiten hätte seine Frau Besen und Schaufel oder den
Staubsauger geholt.

Er hätte es wie immer nicht bemerkt, dass seine Frau seine Haare beseitigt hätte, immer und immer wieder.

Und er hätte nicht bemerkt, wie auch durch kleine Haare ein großer Schutthaufen entsteht, kleine Steine zu einer großen
Lawine werden.

Vielleicht war es der Kinderchor, der von Nachbars Radio zu hören war, vielleicht war es der kleine Schmetterling, der sich
in der Wärme des Zimmers entpuppte, vielleicht war es meine Anwesenheit, vielleicht der dritte Advent?



Als sich an diesem Tag die Blicke meines Freundes und seiner Frau kreuzten sagte er: "Es tut mir leid, mit den Haaren!"

Daraufhin nahm sie ihre Brille ab und sagte: "Ich kann keine Haare sehen!"

Es war wohl Weihnacht geworden!
Wenn sich die Dinge nicht ändern lassen, sollte man die Sicht auf die Dinge ändern!

Aufgeschrieben von Jochen Gutjahr, 2002


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