Die Flut 2002 in Sachsen
Wie ein MS–Betroffener die Situation überlebte von Jochen
Ein Erlebnisbericht
Manchmal gibt es Tage, da werde ich an Wesentliches erinnert. Das ist gut so.
Der 13. August 2002 war so ein Tag.
Als Ostdeutscher, der keine 17 Jahre mehr ist, verbindet sich mit diesem Tag auch der Bau der Mauer.
Dieses Mal waren die Mauern vielerorts zu niedrig, zu durchlässig oder einfach nicht da. Und, wir hätten eine hohe Mauer gebraucht.
Es regnete seit Sonntag.
Sonntag war der 11. August.
Herr Kachelmann sprach von Unwetterlagen, besonders in Bayern. Passau war — wie oft — im Gespräch und das obere Erzgebirge.
Am Montag fuhr ich die Kinder im Regen zur Schule und holte sie im Regen wieder.
Das war kein gewöhnlicher Regen. Das waren kleine Wolkenbrüche. Und es wehte ein heftiger Wind.
Es rauschte unheimlich.
Als wir in unserem Tal gegen 16.00 Uhr ankamen, war der, das Grundstück begrenzende Bach von seiner üblichen Breite bereits auf das 20 bis 30-fache gewachsen.
Es rauschte unheimlich.
Nun wussten wir seit 20 Jahren viel von diesem Bächlein und wussten, dass er gewaltig anschwellen kann. Somit hatten wir vorsorglich eine Mauer gebaut und das diesseitige Ufer etwa einen halben Meter höher gelegt. Der Bach hatte so Raum, eine grosse Wiese zu überschwemmen.
Er hatte also keinen Grund, unser abgelegenes Haus zu besuchen.
Es regnete ununterbrochen.
Nach dem Abendbrot und mit Überschwemmungsmeldungen von bekannten Orten im Erzgebirge im Kopf, setzte ich mich bei Einbruch der Dunkelheit vor´s Haus.
Eine Folie über Kopf und Schultern, einen guten Tropfen und meine Gitarre dabei. Die hatte ich schon lang nicht mehr in der Hand, da seit der Erkrankung die Finger nicht immer das machten, was ich wollte.
Gegen 21.00 Uhr kamen fünf Jungs von der Feuerwehr. Die wollten uns evakuieren. Das war mir völlig unverständlich. Erstens hatte ich Vertrauen in unsere Bauwerke, wusste also, dass der steigende Bach irgendwann die gegenüber liegende Wiese überfluten, d.h. nicht weiter an´s Haus steigen würde, zweitens wusste ich nicht, dass im Vortal, von dem wir ca. einen Kilometer entfernt, durch einen hohen Berg getrennt waren, das Wasser bereits über einen Meter stand. Es sollten mehr als drei Meter werden. Zwar hörte ich die Hubschrauber über`m Vortal kreisen, wusste aber nicht, dass da bereits zwei Nachbarn mit ihrem Enkel vom Dach ihres kleinen Hauses geangelt wurden.
Wir schickten die Feuerwehrleute weg.
Nicht ohne unseren alten Subaru auf den gegenüber liegenden Berg zu fahren. Der Weg war auch schon eine Art unwirklicher Sturzbach geworden.
Gegen 22.30 Uhr fiel der Strom aus. Das Elektizitätswerk in Frankenberg war abgesoffen. Das wusste ich jedoch zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht.
Es regnete ununterbrochen. Wer weiss, was ein C-Rohr ist, begreift den Vergleich, dass Drainagerohre der angrenzenden Wiese sich wie angeschlossene C-Rohre gebärdeten. Das Wasser schoss heraus.
23.00 Uhr blieb der Bach stehen, will sagen, er stieg nicht mehr.
Die Wasserfläche auf der gegenüberliegenden Wiese war riesig, wenn meine Taschenlampe über den Bach, der nun ein reissender Strom war, leuchtete.
Ich war froh.
Es hatte offensichtlich die Planung und der Bau einen ersten schweren Test bestanden. Etwas beruhigt ging ich mich auf`s Ohr legen.
Gegen 02.30 Uhr fragte meine Frau, ob wir nicht doch einige Gegenstände in die erste Etage bringen sollten. Wenn es Dich beruhigt entgegnete ich, immer noch optimistisch.
Die CD`s, Platten, Bücher, einige Möbel, also das Wesentliche und eben das, was ich bewältigen konnte, kam in ein höher gelegenes Zimmer.
Dann war wieder Ruhe im Haus. Mich wunderte, dass auch das handy nicht mehr funktioniert. Dass die ISDN-Anlage, in Ermangelung von Strom und Spannung den Geist aufgegeben hatte, war ja verständlich.
Ich konnte nicht wissen, dass in der gesamten Umgegend der Strom ausgefallen war, auch bei den Mobilfunkstationen und dass es Tage dauern würde, auch die handies wieder praktikabel nutzen zu können. Wie anfällig doch die Technik ist.
Am Morgen regnete es noch immer.
Als es Tag wurde, gegen 05.30 Uhr, ich sass wieder auf meiner Bank vor´m Haus, begegnete mir ein Bild, dass wohl Bestand in der Erinnerung haben wird.
Meine Frau stand hinter mir und sagte: Hast Du schon einmal nach rechts geschaut?
Nun ist wichtig zu wissen, dass unser Haus rechts von einer ziemlich grossen Weide begrenzt wird, die wiederum ca. 300 m weiter zur Zschopau, einem normalerweise 15 bis 20 m breiten Fluss abfällt.
Ich drehte mich nach rechts.
An unserem Zaun schwammen Enten.
Das war surreal.
Dann ging es ganz schnell, denn ich konnte nicht wissen, dass weiter oben, d.h. im Gebirge, einige Rückhaltebecken und Dämme gebrochen waren. Das Wasser kroch in 10 Sekunden ca. einen Meter an unser Haus heran. Die Zschopau war, so die Erinnerung der Alten und die Berichte aus allen bekannten Chroniken, das erste Mal an die Silberwäsche, unser Haus, gestiegen.
Der Bach hatte keine Abflussmöglichkeit mehr und strömte nun von der anderen Seite an`s Haus.
Gegen 07.00 Uhr hatten wir das Wasser am Hauseingang.
Es sollte Eingang finden und später im Wohnzimmer, in der Dusche, im Bad, im Flur, in der Küche, in der Werkstatt und im Behandlungszimmer stehen.
Die alten Häuser sind zudem innen oft tiefer als der umgebende Grund erbaut. Bei uns sind das 25 cm. Das reichte bei einer Wasserhöhe von einem Meter, um Fussböden hochzudrücken.
Gegen 08.00 Uhr waren wir mit dem Subaru über eine Tierkoppel in`s Dorf geflüchtet.
Vom Berg aus bot das Vortal einen unwirklichen Anblick. Das Haus von Freunden und unsere Gaststätte hatten kein Erdgeschoss mehr.
Das gesamte Tal war bis zu drei Meter Wasserhöhe zugelaufen.
Bungalows und Gartenlauben hoben im Minutentakt ab und ab ging`s Richtung Hamburg. Gasvorratskessel von dazugehörigen Heizungen zischten mit unheimlichem Rückstossantrieb über die Wasserfläche.
Alle konnten nur noch zusehen.
Doch das stimmt nicht ganz.
Unser Dorf, und nicht nur das, hat sich grossartig bewährt. Quartiere waren da, es wurde gekocht (ohne Strom!) und gewaschen und eben geholfen.
Plötzlich waren wesentliche Dinge wieder in´s Bewusstsein gerückt.
Auch die folgende Zeit war überwiegend von direkter Hilfe einzelner, oft lang nicht gesehener, oft völlig unbekannter Menschen geprägt.
Als das Telefon wieder funktionierte, kamen über 100 Anrufe.
Freunde unterbrachen ihren Urlaub, Jahrzehnte unterbrochene Kontakte lebten auf.
Das ist okay.
Wir hatten das Wasser im Haus und haben nicht — wie viele andere Betroffene — alles Hab und Gut verloren.
Heftig war es allemal.
Und wir haben viele Gründe Dank zu sagen an Freunde, Kollegen, bis dahin unbekannte Menschen..
Eine ältere Frau rief aus dem Schwarzwald an, ob sie mithelfen könne. Sie könne gut tapezieren.
Bekannte spendeten für den Junior ein neues Klavier.
Eine Frau aus der Schweiz meldete sich postalisch, da sie ihre Wurzeln in Sachsen hat.
Ein langzeitarbeitsloser Kraftfahrer lud mich zu einer Tasse Kaffee ein usw., usw.
Dank auch an alle gateway-Direkt-mailer.
Jochen Gutjahr
MS Gateway–Redaktion, 8. Oktober 2002




