Ballonfahren
von Jochen
Ich bekam 1990 in einer im Allgemeinen sehr bewegten Zeit die Diagnose Multiple Sklerose. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung von dieser Erkrankung mit vielen Gesichtern. Die Diagnose traf mich mit 38 Jahren.
Und es war schon eine große Angst. Wie wird es weitergehen ? Mit der Beschäftigung, d.h. durch Kontakte, Literatur, Filme etc. wurde die Situation nicht besser.
Ich wurde auf das vorbereitet, was gleich oder in naher Zukunft nicht mehr gehen wird.
Was kann ich machen, was mache ich richtig, was darf ich, was sollte ich mir verbieten? Viele Fragen, auf die es wie ich später erkennen mußte keine allgemeine Antwort gibt. Krankheit mit vielen Gesichtern!
Jedes Jahr zwei heftige Schübe, Frühjahr und Herbst. Ich hatte im Frühjahr 1993 von den Füßen bis zum Hals das Gefühl verloren. Taubheit. Damit war auch das Laufen nur schwer möglich, wenn überhaupt.
In dieser Situation erreichte mich ein Anruf im Klinikum. Meine erste Reaktion auf das Telefonat war Entrüstung. Mir ging es nicht gut, ich konnte meine aktuelle Situation kaum realisieren, konnte weder gehen noch stehen und da ruft ein Freund an und bittet mich zum Ballonfahren. Und der Anruf verstärkte meinen Zorn über die eigene Situation. Danach kamen die Gedanken, daß ich das nicht schaffen werde. Danach kamen die Gedanken, daß ich das vielleicht nie mehr schaffen werde. Letztendlich kam das große Bedauern.
Ich hatte mir lang schon eine Ballonfahrt gewünscht. Erst waren Ballons nicht erlaubt, wegen der „grenzüberschreitenden Möglichkeiten“ und als sie erlaubt waren, hatte ich Multiple Sklerose.
Vor 1990 war ich oft und gern in den Bergen und der Blick vom Gipfel war für mich unbeschreiblich schön. Damit war eben ein Höhenflug im Ballon ein Traum.

Einen Tag später, an einem herrlichen Frühlingsabend stand ich in der Gondel eines Warmluftballons und fuhr bei wunderschönem Wetter über die Höhen des Erzgebirges.
Es war ein Höhenflug. Es war phantastisch !
Der Einstieg war schwierig, das Aussteigen, auch aus der „Gedankenwelt“ eines Schubes, fiel schon leichter. Danach bin ich oft in die Luft gegangen.
Die selbst verordneten Grenzen hatten sich erweitert und ich bin sehr froh, Freunde zu haben.
Jochen Gutjahr
49 Jahre
Diagnose 1990




